Irvin D. Yalom: Das Spinoza-Problem

Seit Jahrzehnten begegne ich den Büchern von Irvin D. Yaloms. Warum habe ich bis vor kurzem keines davon aufgeschlagen? Ein grober Fehler, wie ich nach der Lektüre seines jüngsten ins Deutsche übersetzten Romans "Das Spinoza-Problem" finde.

Bereist der Prolog saugt den Leser in das Buch. Yalom beschreibt hier eine Vortragsreise in die Niederlande. Der berühmte Psychotherapeut verlangt vom Veranstalter als Honorar einen exklusiven Besuch im Spinoza-Museum in Rijnsburg bei Amsterdam. Den bekommt er natürlich. Yalom ist aber nicht nur von dem berühmten Philosophen und Vorreiter der Aufklärung, Baruch Spinoza, fasziniert. Noch viel mehr reizt ihn, dass ausgerechnet Alfred Rosenberg diese Faszination für Spinoza geteilt hat. Alfred Rosenberg? Genau. Der Weggefährte Adolf Hitlers und Reichsleiter Alfred Rosenberg, ein Antisemit par excellence, ließ das Spinoaza-Mueseum gleich nach der Besetzung Hollands für das "Institut zur Erforschung der Judenfrage" ausräumen. Nach dem Krieg fand sich de Bibliothek Spinozas in einem deutschen Salzbergwerk und wurde zurück in das Museum gebracht.

Aus dieser wahren Begebenheit und ein paar Fakten aus dem Leben des Philosophen aus dem 17. und des Nazis aus dem 20. Jahrhundert konstruiert Yalom ein Meisterwerk für Geschichtsinteressierte. Das Buch führt in die Philosophiegeschichte der Aufklärung ebenso ein wie in die Entwicklung der Psychoanalyse, indem es Kapitel für Kapitel die weitgehend erdachten Biographien dieser sehr unterschiedlichen Menschen schreibt.

Spinoza und Rosenberg eint die Abneigung gegen den "Aberglauben". Sie trennt die Mitmenschlichkeit. Spinoza respektiert, schätzt und liebt zuweilen Menschen, auch anders denkende. Rosenberg hingegen liebt nicht einmal sich selbst. Er kann sein nicht vorhandenes Selbstwertgefühl nur kompensieren, indem er sich zu einem Herrenmenschen stilisiert. Spinoza ist einsam, weil er aus seiner Glaubensgemeinschaft per Bann ausgestoßen wurde. Aber er ist nicht allein. Er hat Freunde, mit denen er sich auf intellektueller Augenhöhe und mit Herzlichkeit austauschen kann. Rosenberg ist teil der Machtclique des Dritten Reiches und dennoch immer einsam und allein. Vor allem aber ist er eine kaputte Seele, die viel zu viel Macht bekommen hat.

Insbesondere bei der Persönlichkeit Rosenbergs wird deutlich, dass Yalom im Hauptberuf Psychoanalytiker ist. Er schildert den Menschen Rosenberg mit seinen Qualen und Defiziten so eindringlich, dass einem der Mann fast sympathisch ist. Das ist ein durchaus gefährliches, literarisches Mittel. Leser, die diese historische Person und sein mörderisches Treiben nicht kennen, könnten hier den falschen Eindruck gewinnen. Zudem erinnert dieses Analysebild stark an den Zeitgeist der 60iger bis 80iger Jahre, als jede Tat mit dem "lieblosen" Elternhaus entschuldigt wurde. Natürlich prägt uns unsere Sozialisation, aber die Verantwortung für unser Leben tragen wir dennoch selber.

btb Verlag 2012 ISBN 9783442752850

Getagged mit: , , , , , , , ,
Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland, Niederlande
3 Kommentare auf “Irvin D. Yalom: Das Spinoza-Problem
  1. Dr. Bernd Horn sagt:

    Sehr geehrte Autorin,

    Stimme ihren Kommentar zu..
    Einfühlung in zwei sehr unterschiedliche Personen über das Denken von Spinoza ist gelungen und spannend..
    Beim Lesen entstand zunehmendes Unbehagen gegenüber der zu einfühlenden Beschreibung von Rosenberg. Das Grauen von ursächlicher Beteiligung an nicht vorstellbaren Verbrechen
    wird so bagatellisiert..
    Muss man sich wirklich in jeden Co-Mörder einfügen..
    Ich bin selbst Psychotherapeut. Ich schätze die einführende und dichterische Begabung mit der Y. schreibt, dennoch konnte ich diese zu respektvollen Beschreibung von Rosenberg nur mit innerlicher Abscheu folgen.
    Das haben sie meiner Meinung nach gut ausgedrückt.

    • Ruth Justen sagt:

      Lieber Herr Dr. Horn,
      vielen Dank für Ihre Gedanken zum Buch.
      Herzliche Grüße
      Ruth Justen

      • Dr. Bernd Horn sagt:

        Liebe Frau Justen,

        hab jetzt erst gemerkt, dass sie auf meinen Beitrag reagiert haben.
        Habe mich gefreut, dass da eine Reaktion war.
        Dieses für mich noch seltsame Medium Internet bringt doch überraschende zwischenmenschliche Kommunikationsmöglichkeiten,

        freundlichen Gruß, Ihr Bernd Horn

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Folgen Sie Ruth liest