Isaac Bashevis Singer: Jarmy und Keila

Ich gebe zu, bei Büchern verstorbener, berühmter Schriftsteller, die im Nachlass „gefunden“ werden, bin ich sehr vorsichtig. Oft ist die Veröffentlichung solcher Werke unabhängig von der Qualität des Buches. Doch im vorliegenden Fall, „Jarmy und Leila“ von Isaac Bashevis Singer, stimmt die Qualität und ich kann dem Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag nur zum Buch gratulieren.

Bashevis erweckt auch in diesem Werk die Welt der armen jüdischen Bevölkerung in Osteuropa und dann in den USA zu neuem Leben. Mit viel Mitgefühl, aber gänzlich unsentimental, schildert er das Schicksal von Keila und ihren Freunden in Warschau und später in New York, beginnend im Jahr 1911.

Keila ist eine eigenständige Person, die sich auf der Flucht vor ihrem strengreligiösem Elternhaus über mehrere Jahre als Prostituierte in Warschau durchschlägt. Zu Beginn des Buches hat sie sich bereits einige Jahre von diesem Leben befreit und den Mann ihrer damaligen Träume, Jarmy, geheiratet. Sie sind arm, aber glücklich miteinander. Keila hat sich geschworen, nie wieder in einem Bordell zu landen.

Das Glück endet, als Jarmys alter Zellengenosse Max aus Übersee auftaucht. Er vergewaltigt nicht nur Keila, vor allem will er mit Keila und Jarmy das Bett und einen Bordellbetrieb teilen. Keila folgt ihrem Instinkt und rennt weg, denn Jarmy ist so fasziniert von Max, dass er sie nicht verteidigt.

Auf der Flucht trifft sie den jungen Rabbinersohn Bunem. Auch er wuchs strenggläubig auf, ist aber voller Zweifel und in eine Anarchistin verliebt. Letztere wird verhaftet, sodass Bunem befürchtet, der russische Geheimdienst sei auch hinter ihm her.

Gemeinsam sehen sie ihre einzige Befreiungschance in der Ausreise in die USA, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten und Freiheiten.

Aber auch hier herrscht Armut und Verzweiflung. Mühsam meistern die beiden ihr Elend in New York. Ihre Zweifel an Gott und sich selbst haben sie selbstverständlich mitgenommen, aber auch ihren Wunsch, ehrlich und ehrenvoll ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Als sie ihr altes Leben auch in die neue Welt verfolgt, entscheidet sich ihr Schicksal endgültig.

Mit der Geschichte von Keila und Jarmy gewährt Singer erneut tiefe Einblicke in die Glaubens- und Gefühlswelt der jüdischen Bevölkerung Osteuropas im 20. Jahrhundert, eingeklemmt zwischen religiösen Vorgaben und der russischen Gewaltherrschaft sowie dem Aufbruch in die Moderne mit all ihren Bedrohungen.

Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag ISBN 9783633542963

Hinweis: Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar! Die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars hat keinerlei Einfluss auf meine Rezension.