Ismail Kadare: Die Schleierkarawane

Albanien ist in der Öffentlichkeit allenfalls als Herkunftsland vieler Flüchtlinge ein Begriff. Doch es ist auch die Heimat eines der größten literarischen Talente Europas: Ismail Kadare, geboren 1936 in Gjirokastra. Der S. Fischer Verlag legte im Sommer einen Erzählband mit drei seiner Erzählungen aus unterschiedlichen Schaffensperioden vor.

Die drei Geschichten waren 1987 erstmals im Verlag Volk und Welt in der DDR erschienen, obwohl sie am Beispiel des Osmanischen Reiches die Absurditäten totalitärer Regime mit gespitzter Feder aufs Korn nehmen.

Die titelgebende erste Geschichte "Die Schleierkarawane" könnte kein aktuelleres Thema aufgreifen. Im Rahmen der Islamisierung des Balkan durch das Osmanische Reich, erhält der kleine Beamte Hadschi Milet den Auftrag, Schleier in alle Landesteile zu liefern. Damit soll er die Grundlage für die Durchsetzung des Verschleierungsgebots des Sultans legen. Grandios beschreibt der Autor die Zweifel des Beamten.

"Der Festausschuß" schildert eine wahre Begebenheit aus dem Jahr 1830. Unter dem Vorwand eines Friedensfestes werden ehemalige Aufständische von den Vertretern des Sultans eingeladen. Aus der Perspektive der Festausschussmitglieder erzählt Ismail Kadare die Feierlichkeiten mit überraschendem Ausgang.

Mit der abschließenden Erzählung "Das Geschlecht der Hankonen im Gang der Zeit" setzt der Autor seiner Heimatstadt ein Denkmal. Die Familiengeschichte erlaubt tiefe Einblicke in die Mechanismen von Macht und Ohnmacht und vom Durchschlängeln in einer Diktatur.

Sprachgewaltig, humorvoll und überaus klug seziert Ismail Kadare die Geschichte seines Landes gleichsam als Blaupause für die gemeine Diktatur an sich - egal welchen politischen oder religiösen Anstrichs.

S. Fischer Verlag ISBN 9783100384195

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Veröffentlicht unter Albanien, Belletristik

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