Jan Böttcher: Y

Selten fühlte ich mich von einem Buchtitel so wenig angesprochen. Wie kann man einen Roman mit einem einzigen Buchstaben betiteln? Jan Böttchers jüngster Roman "Y" spielt in Deutschland und im Kosovo. Genau! Es geht wie in so vielen Büchern dieser Saison um Zuwanderung und (Nicht-)Integration. Die Klammer für beide Länder bildet das Y. Warum? Das sollte ihr euch selber erlesen.

Der Erzähler der Geschichte ist ein Schriftsteller, der in Berlin mit Frau und 14-jährigem Sohn lebt. Sein Sohn Benji bringt eines Tages einen unbekannten, obdachlosen Jungen namens Leka mit nach Hause. Die Eltern verweigern dem Fremden einen Dauerschlafplatz. Erst als der Junge aus Berlin verschwindet, erschreckt die Familie. Schuldgefühle und Neugier treiben den Vater um. So recherchiert er die Lebensgeschichte von Leka und seinen Eltern, dem deutschen IT-Nerd Jakob und der albanischen Künstlerin Arjeta.

Der Roman kommt nur langsam in Fahrt. Die ersten zwei Kapitel plätschern im bundesdeutschen Bildungsbürgertum nur so daher. Ich bin aber sehr froh, dass ich das Buch nicht aus der Hand gelegt habe. Jan Böttcher schildert eindringlich den Zustand des Kosovos in den letzten 15 Jahren. Gleichzeitig erlaubt er tiefe Einblicke in die bundesdeutschen Realitäten der "Willkommenskultur". Aber auch das zwischenmenschliche Scheitern von Jakob und Arjeta als Mann und Frau als Vater und Mutter kommt in der Geschichte nicht zu kurz. Y hinterlässt den Leser voller Fragen über die eigene Rolle in der Familie und der Gesellschaft.

Am Ende habe ich beglückt das Buch zugeklappt, weil die deutsche Gegenwarts-Literatur so wunderbar lebendig ist. Der Aufbau Verlag hat bereits Jan Böttchers Lesetermine zur kommenden Leipziger Buchmesse bekannt gegeben. Ich freue mich auf die Begegnung mit ihm.

Aufbau Digital ISBN 9783841210944

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Veröffentlicht unter Albanien, Belletristik, Deutschland

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