Jan Kjærstad: Berge

Norwegen ist das Gastland der Frankfurter Buchmesse und verspricht viele spannende Entdeckungen. Dazu gehört auch Jan Kjærstads Roman „Berge“, der mich anlässlich des Anschlags auf eine Synagoge und einen Dönerladen in Halle ins Mark trifft.

Oberflächlich betrachtet scheint Jan Kjærstad in seinem in Norwegen bereits 2017 erschienenen Buch „Berge“ den Terroranschlag auf das Regierungsviertel in Oslo und auf das Jugendlager auf der Insel Utøya vor Oslo 2011 zu verarbeiten. Doch der Autor geht viel weiter: Er seziert, was der Terror mit uns und was wir mit dem Terror machen.

Der 500 Seiten umfassende Roman besteht aus drei Kapiteln, die in den Jahren 2008 und 2009 spielen. Die Journalistin Ine, der Richter Peter und der Angeklagte Nikolai schildern jeweils aus ihrer Sicht die Geschehnisse rund um einen fünffachen Mord und vor allem die Rezeption der Morde in der Öffentlichkeit.

Vier Erwachsene und ein Kind wurden in einer Waldhütte die Kehlen im Schlaf durchgeschnitten. Sofort ist von einem Terroranschlag die Rede. Ein Anschlag auf die norwegische Gesellschaft für die der Hüttenzauber zum Nationalerbe gehört. Ein Anschlag auf die Arbeiterpartei, denn drei der Toten waren hohe Parteifunktionäre.

Für die Journalistin ist der Mordfall geradezu ein Glücksfall, steht doch ihr Buch über einen der getöteten Funktionäre kurz vor der Drucklegung. Tatsächlich ist nicht nur für sie der spektakuläre Fall eine Lizenz zum Gelddrucken. Sehr klug schildert der Autor in diesem Kapitel die Arbeitsweise von Medien.

Anders als die Journalistin zweifelt der feinsinnige Richter an seinen Kompetenzen. Er bleibt gerne im Schatten, verkriecht sich geradezu in seinen Routinen. Er braucht viel Ruhe, um sein geplantes Buch über das Thema Gerechtigkeit im Wandel der Zeiten zu schreiben. Ist er einem so großen Fall gewachsen? Im Laufe des Prozesses kommen ihm Zweifel an der Schuld des Angeklagten, der beharrlich schweigt. Gleichzeitig spürt der Richter nur zu deutlich die Erwartungen der Öffentlichkeit, dass es einen Schuldigen und einen Bestraften am Ende geben muss.

Der Angeklagte ist der Sohn von zwei legendären Mitgliedern der Arbeiterpartei. Geprägt von dem Eindruck, den Erwartungen seiner Eltern nie gerecht geworden zu sein, scheint die Beziehung zu Gry, einer der Ermordeten, für ihn ein einziger Glücksfall gewesen zu sein. Empfand er Hass für sie nach der Trennung, wie einige Zeugen behaupten? Zeigte er in den Jahren vor dem Mord bereits psychopathische Züge, wie andere Zeugen aussagten? Was kann man Zeugen überhaupt glauben? Die Passagen über die Gerichtsverhandlung und das teils bewusste, teils unbewusste Spielen mit und auf der Bühne des Gerichtssaals, gehören zu den stärksten Seiten des Romans.

Am meisten hat mich beeindruckt, wie es dem Autor gelingt, ein Bild einer hysterischen Gesellschaft zu zeichnen. Angst, Sensationslust, Spekulationsgier und Racheträume vermengen sich zu einem Klima, in dem keinerlei Raum für Gerechtigkeit bleibt.

„Berge“ ist ein ungemein fesselnder Roman, der mich zutiefst nachdenklich hinterlässt.

Septime Verlag ISBN 9783902711847

Hinweis: Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar! Die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars hat keinerlei Einfluss auf meine Rezension.

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