Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend

Es ist lange her, dass mich ein Buch so sehr gefesselt hat wie Jenny Erpenbecks "Aller Tage Abend". Warum? Erstens: Jenny Erpenbeck ist eine der besten deutschsprachigen Schriftstellerinnen. Zweitens hat sie sich zweier gewaltiger Themen angenommen. Tod und Trauer sowie der Zufall stehen im Mittelpunkt des Romangeschehens.

Sie beginnt mit der Geschichte einer jungen Familie Anfang des 20. Jahrhunderts in einem Dorf der K.u.K.-Monarchie. Das einzige Kind, ein Baby von acht Monaten, stirbt am plötzlichen Kindstod. Erpenbeck schildert das Leid und den Schmerz der Eltern. Sie zeigt, wie der Tod das Leben der beiden verändert und ihnen gänzlich andere Schicksale beschert.

Im nächsten Kapitel erzählt die Autorin, was aus der Tochter und ihren Eltern geworden wäre, hätte das Kind den Erstickungsanfall überlebt. Dieses Kapitel führt uns nach Wien in die Zeit der großen Not während und nach dem ersten Weltkrieg. Auch hier beendet ein unerwarteter Tod den Familienzusammenhalt.

Die Tochter könnte auch dies überleben und zur glühenden Kommunistin werden, die vor den faschistischen Horden in die UDSSR flieht. Unnötig zu erwähnen, dass der Tod unter Stalin an jeder Ecke lauert. Wenn sie nicht im Gulag endet, könnte sie durch die Zufälle des Lebens vor den stalinistischen Mörderbanden gerettet werden, und als verdiente Kämpferin in der DDR landen. Selbst in der DDR war die Stasi nicht an allem Schuld. Auch hier gab es mehr als genügend natürliche Todesursachen, die ihren Sohn zum Halbwaisen gemacht hätten. Ebenso hätte sie alle Widrigkeiten der DDR überstehen und uns als demente Greisin im inzwischen gesamtdeutschen Pflegeheim begegnen können.

Jenny Erpenbeck gelingt es scheinbar mühelos, ein ganzes Jahrhundert anhand ihrer Hauptfigur zu schildern. Immer wieder zerreißen den Leser geradezu die vielen möglichen Schicksale dieses grausigen Jahrhunderts und immer wieder muss er sich die Frage stellen, was wäre, wenn. Wie nahe sind wir dem Abgrund und warum sind wir das eine oder andere Mal nicht über diesen gefallen? Wie stark regiert der Zufall unser Schicksal? Wie viel Macht oder doch eher Ohnmacht bestimmt unser Sein? Ein ungemein fesselndes Buch, das auf jeden Fall den Deutschen Buchpreis 2012 verdient hätte.

Albrecht Knaus Verlag 2012 ISBN 9783813503692

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland, Österreich, Russland

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