Jeremy Tiang: Das Gewicht der Zeit

Zu den vielen neuen Frühjahrstiteln, die aufgrund der Corona-Pandemie wenig Aufmerksamkeit erhalten, gehört Jeremy Tiangs Roman „Das Gewicht der Zeit“. Sehr zu Unrecht, denn der Autor entführt die Lesenden mit einer fesselnden Sprache in 50 Jahre spannende Geschichte des unabhängigen Singapurs ab 1965.

Am Ende der britischen Kolonialzeit in Asien drohte Singapur ebenso wie Malaysia im Chaos zu versinken. Kommunistische Untergrundkämpfer wollten verhindern, dass nach Abzug der Briten deren „Marionetten“ an die Macht kommen. Gleichzeitig kam es zu Konfrontationen mit Indonesien unter dem Staatsgründer Sukarno, der einen Zusammenschluss Malaysias und Singapurs verhindern wollte.

Tatsächlich zerbrach die Föderation von Malaysia und Singapur. Am 9. August 1965 erkannte Malaysia Singapurs Souveränität an. Seither regiert eine Partei den Staat. Eine Partei, die die wirkliche oder vermeintliche Bedrohung durch den Kommunismus immer wieder als Deckmantel für ihre rigide Politik nimmt. Ausnahmezustand, Verhaftungen, Folter oder Einschüchterung prägen den Stadtstaat und das Familienleben von Jasons und Mollys Familie.

Jeremy Tiang rekonstruiert die Geschichte um die Geschwister Molly und Jason sowie ihrer Kinder beginnend in den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts in sechs Kapiteln. Im ersten Kapitel steht Jason im Mittelpunkt. Gleich zu Beginn erfährt er vom Tod seiner Schwester Molly durch einen Bombenanschlag am 10. März 1965. Sie hinterlässt ihre kleine Tochter Stella und ihren Mann Barnabie. Als Täter wurden zwei indonesische Guerillakämpfer identifiziert und 1968 hingerichtet.

Nur wenige Zeit nach Mollys Tod geht Jasons Frau Siew Li in den Dschungel. Sie hatte bereits als Jugendliche zwei Jahre in Haft gesessen, weil sie an Demonstrationen ihrer kommunistischen Organisation teilgenommen hatte. Ein zweites Mal will sie nicht ins Gefängnis und zieht daher den Rückzug in den Dschungelkampf in Malaysia vor. Während Siew Li ein neues Leben anfängt, zieht Jason alleine die gemeinsamen Zwillinge Henry und Janet auf. Henry rebelliert auf seine Art gegen das Leben in Singapur: Er geht als Student nach Großbritannien und bleibt dort. Janet hingegen passt sich den Gegebenheiten an. Ihr Mann wird sogar Minister im Stadtstaat. Ihre Cousine Stella gerät hingegen in die Mühlen des Staates. Eigentlich setzt sie sich im Rahmen ihrer Kirchgemeinde nur für bessere Arbeitsbedingungen von ausländischen Arbeiterinnen ein. Das legt ihr das Regime als kommunistische Umtriebe aus. Sie landet für einige Zeit im Gefängnis bis sie „lernt“, Kompromisse zu schließen. Nach ihrer Entlassung findet sie keine neue Stelle als Lehrerin und schlägt sich mit Jobs durch.

Es gelingt Jeremy Tiang eindrücklich, die verschiedenen Handlungsmotive der Familienmitglieder herauszuarbeiten und vor allem die Folgen der politischen Verwerfungen für jeden Einzelnen darzustellen.

„Das Gewicht der Zeit“ ist ein echter Erkenntnisgewinn und Lektüregenuss.

Residenz Verlag ISBN 9783701717286

Hinweis: Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar! Die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars hat keinerlei Einfluss auf meine Rezension.

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