Jo Lendle: Eine Art Familie

Wie gut, dass Jo Lendle neben seiner Verlagstätigkeit noch immer seiner Berufung als Schriftsteller folgt. „Eine Art Familie“ heißt sein jüngstes im Penquin Verlag erschienenes Werk über das Leben seines Großonkels Ludwig Lendle – genannt Lud.

Ludwig Lendle war einer der angesehensten Pharmakologen Deutschlands im 20. Jahrhundert. Doch Lendle geht es nicht um die Leistungen des Forschers, sondern um den Menschen, eingebettet in die Entwicklungen seiner Lebenszeit von 1899 bis 1969.

Jo Lendle beschreibt seinen Großonkel als einen sensiblen und melancholischen Menschen, der nicht immer Sinn in seinem Leben sieht. Nur wenige Menschen stehen ihm nah. Dazu gehören sein ehemaliger Kriegskamerad Gerhard, seine Patentochter Alma, die nur zwei Jahre jünger ist, und die Haushälterin Paula Gerner. Früh Waise geworden, macht Alma mehrere Stationen in Pflegefamilien und Heimen durch, bevor sie zum Studenten Ludwig nach Frankfurt ziehen kann. Die Haushälterin des Vermieterehepaars wohnt ebenfalls in der Wohnung. Zu dritt erleben sie die Jahrzehnte, in denen sie nur einige wenige Jahre getrennt wohnen. Egal, ob Ludwig in Frankfurt, Leipzig, Berlin, Münster oder Göttingen studiert bzw. arbeitet, immer bleiben die drei eng verbunden – bilden eine Art Familie.

Was sie zudem teilen, sind die Werte: Alle drei lehnen den Nationalsozialismus ab, bleiben aber weitgehend still. „Die Schuld, die ich auf mich geladen habe, das wird mir in den letzten Monaten immer deutlicher, betrifft Hermann Freund, meinen Vorgänger in Münster. Ich hätte ihn nicht retten können. Aber ich habe nicht versucht, ihn zu retten. Im Abgrund zwischen diesen Sätzen versinkt mein Leben“, diese Zeilen zitiert Jo Lendle aus einem Brief des Großonkels an seinen Neffen, der Jos Vater ist. Ludwig Lendle forschte auch im Auftrag der Wehrmacht und nahm als beratender Pharmakologe am Russlandfeldzug 1941 teil.

Doch auch mit der Nachkriegszeit hadert der Wissenschaftler wie Jo Lendle schreibt: „Adenauer brauchte seine Gedanken zur Entnazifizierung auf die Formel, man schütte kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein reines habe. Lud hätte gern mal mit ihm über Hygiene diskutiert.“

Bis zu seinem Tod verschwieg er allen, außer Alma, dass er homosexuell ist. Nur einmal scheint er in seinem Kriegskameraden Gerhard eine erwiderte Liebe erlebt zu haben. Gerhard flieht in die Ehe, Ludwig in seine Art der Familie.

Hinweis: Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar! Die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars hat keinerlei Einfluss auf meine Rezension.

Penquin Verlag ISBN 9783328601944

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