Jörg-Uwe Albig: Eine Liebe in der Steppe

Jörg-Uwe Albigs Erzählung von einem Mann, der sich in eine Kapelle verliebt, gehörte zu den umstrittensten Beiträgen des Bachmannwettbewerbes 2017 in Klagenfurt. Der bereits bekannte Schriftsteller war der Einladung von Meike Feßmann, einer langjährigen Jurorin des Wettbewerbs, gefolgt. Sie war sichtlich erschüttert, dass Albigs Erzählung von den weiteren Jurymitgliedern weitgehend kritisiert wurde. Auch ich habe das Zerpflücken des Textes nicht nachvollziehen können und deshalb die Novelle um die ungewöhnliche Liebesgeschichte in Gänze gelesen.

Gregor lebt in der sächsischen Kleinstadt Zinnroda. Gemeinsam mit seiner Freundin Julia arbeitet er am Stadtmuseum. Seine Aufgabe: Kustos der Fossilienabteilung. Er befreit Fossilien aus Fundsteinen. Ein beschauliches Leben, das aus dem Rausfeilen der Fossilien, ein bisschen Sex und einer Prise Auflehnung gegen die Rückbebaubung der schrumpfenden Stadt besteht. Dinge berühren Gregor. Aber was berührt Gregor? Er kann weder das Glück mit Julia genießen, noch scheint er sich oder seine Bedürfnisse zu kennen.

Aus heiterem Himmel trifft ihn daher die Begegnung mit der Kapelle Maria Magdalena - ein offensichtlich hässlicher DDR-Bau am Rande einer unbewohnten Zone, der nur noch montags zwischen 15.00 und 17.00 Uhr für die winzige Gemeinde geöffnet ist.

Gregor verliebt sich in die Kapelle. Immer obsessiver wird sein Verlangen nach dem Gebäude. Verrückt? Ja! Aber Jörg-Uwe Albig erzählt die Geschichte der ungewöhnlichen Liebe vor trostlosem Hintergrund so glaubhaft, dass ich ihr bis zur letzten Seite mit wachsender Begeisterung folgen musste.

Lieben wir die Dinge zu viel? Oder doch zu wenig? Schließlich erzählen auch Gebäude von den Menschen, die sie erbaut oder in ihnen gelebt haben. Einzig das Ende hat mich nicht ganz überzeugt. Schade, dass seine Geschichte mit keinem Preis bedacht wurde.

Klett-Cotta ISBN 9783608961577

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland

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