Josef Haslinger: Mein Fall

Josef Haslinger zählt zu den besten und berühmtesten Schriftstellern Österreichs. Als Professor für Literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig prägt er seit 1996 die deutschsprachige Literaturszene maßgeblich mit. Wenn ein so bekannter und redegewandter Mann drei Mal vor verschiedenen Vertretern der Ombudsstelle der Erzdiözese Wien für Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche aussagt und sein Fall dennoch nicht bearbeitet wird, möchte ich mir gar nicht vorstellen, wie langsam und schmerzhaft der Prozess der Aussage und eventuellen Entschädigung für all die namenlosen Opfer ausfällt.

Zum Glück ist ein Schriftsteller wie Josef Haslinger nicht auf das Wohl eines Gremiums angewiesen. Er weiß sich Gehör zu verschaffen, indem er über seinen Fall schreibt. „Mein Fall“ heißt das schmale Bändchen folgerichtig. Josef Haslinger, der 1955 in Zettel in Niederösterreich geboren wurde, wurde von seinen Eltern im Alter von zehn Jahren in ein Zisterzienserkloster geschickt. Haslinger war zu dem Zeitpunkt religiös und liebäugelte mit dem Gedanken, selber Priester zu werden.

Als Schüler und Sängerknabe wird er mehrfach von drei verschiedenen Tätern missbraucht. Er hat lange darüber geschwiegen und noch länger die Namen der Täter verschwiegen. Erst nach dem Tod der Täter benannte er die drei Priester im Jahr 2019 vor der Ombudsstelle und veröffentlicht sie jetzt in seinem sehr beeindruckenden druckfrischen Buch.

Überdeutlich wird, wie stark die Bilder und Empfindungen des Missbrauchs die Opfer lebenslang begleiten. Das sich die katholische Kirche mit Aufklärungskommissionen schmücken will, die doch nur die Erniedrigung der Opfer erneuern, ist brutal und unverzeihlich. Schon um den Druck auf die Institutionen zu erhöhen, lohnt sich die Veröffentlichung dieses sehr persönlichen und feinfühligen Buches.

S. Fischer Verlag ISBN 9783104912103

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