Karin Peschka: Autolyse Wien – Erzählungen vom Ende

Der diesjährige Bachmannwettbewerb in Klagenfurt hat mich mehr denn je angeregt, mir bisher noch gänzlich unbekannte Autoren zu erlesen. Hierzu gehört die österreichische Schriftstellerin Karin Peschka. Sie hatte das Pech, als erste Teilnehmerin des Wettbewerbs am Donnerstagmorgen anzutreten. Ihre Geschichte vom "Wiener Kindl" überzeugte am Ende des Wettbewerbs zwar nicht die Jury, erhielt aber den Publikumspreis. Hochverdient! Auch das Buch "Autolyse Wien", dessen Höhe- und Endpunkt das Wiener Kindl ist, überzeugt.

Wien am Tag nach der namenlosen Zerstörung: Einzelne Menschen und Tiere finden sich als Überlebende einer unbekannten Katastrophe inmitten der Stadttrümmer wieder. Was ist geschehen? Gibt es andere Überlebende? Kann man auf Rettung durch Hilfstruppen oder Militär hoffen? Wird es ein Morgen geben? All diese Fragen können die Überlebenden nicht beantworten. Sie fallen zurück auf das bloße Weitermachen. Die Verletzungen versorgen, ein Obdach finden, Nahrung ergattern. Jetzt, in der nächsten Stunde und vielleicht, ganz vielleicht auch morgen.

Eindrücklich und mit einem beeindruckenden Sprachduktus schildert Karin Peschka die Einsamkeit, den Erfindungsreichtum und gleichzeitig die Ergebenheit in die katastrophale Situation. Der Mensch am Tag nach der Zivilisation besinnt sich auf seine Stärken, kramt längst verschüttetes Wissen heraus oder fischt alte Bücher aus den Trümmern, um sich Wissen anzueignen.

Nicht selten kommt der Mensch dabei auf den Hund. Höhe- und Endpunkt der Dystopie ist die dreiteilige Geschichte vom "Wiener Kindl". Es galt in zivilisatorischen Zeiten als zurückgeblieben, musste nachts eine Windel tragen und konnte kaum laufen. Doch am Tag X wacht das Kind als einziges Familienmitglied lebend auf. Gemeinsam mit einer Gruppe von Hunden, die im Garten seines Hauses Zuflucht finden, entwickelt es sich gegen jede frühere Arztprognose so gut, dass das Kind das Hunderudel anführt und Überlebensstrategien erarbeitet.

Ob die Mischung aus Erfindungsreichtum und Ergebenheit für einen Neuanfang der Menschheit reicht, erfährt der Leser nicht. Das macht das Buch und seine einzelnen Geschichten nur noch spannender.

Otto Müller Verlag ISBN 9783701312535

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Veröffentlicht unter Belletristik, Österreich

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