Karl-Heinz Ott: Die Auferstehung

Die klassische westdeutsche Nachkriegsfamilie steht im Mittelpunkt von Karl-Heinz Otts jüngstem Roman "Die Auferstehung".Vier Geschwister wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten:  Altrevoluzzer Joschi, Aussteiger Uli, Kulturjournalist Jakob und die Macherin Linda eilen an das Totenbett ihres Vaters nach Ulm. Geboren in den 50er- und 60er-Jahren waren sie zu jung für eine echte Karriere als 68er. Aufgelehnt gegen den übermächtigen Vater und Chefarzt haben sie sich dennoch. Jeder auf seine Weise wollte sich vom spießigen Nachkriegszeitgeist befreien und ein Gegenmodell zu den Eltern mit bürgerlichem Beruf und Haus entwickeln.

Das wenigstens ist ihnen gelungen. Doch mittlerweile gehen sie alle auf das Rentenalter zu. Schmerzlich wird ihnen bewusst, wie praktisch es wäre, das Erbe der Eltern antreten zu können. Als Linda den Vater auf dem Boden seines Hauses liegend findet, zitiert sie sofort alle Brüder ins elterliche Haus. Gemeinsam sollen sie mit ihrem Jugendfreund und Anwalt des Vaters sprechen. Vielleicht sind sie ja gar nicht enterbt?

Fast 24 Stunden verbringen die Geschwister im väterlichen Haus und diskutieren ihre Erbchancen. Hat der Vater die ungarische Pflegerin und Geliebte als Erbin eingesetzt? Oder hat er seinen Kindern den Entmündigungsversuch verziehen, mit dem sie eine solches Testament zu Gunsten der neuen Frau an seiner Seite verhindern wollten?

Der väterliche Anwalt raubt ihnen noch in der Nacht jegliche Illusionen auf ein Erbe. Bis es soweit ist, seziert Karl-Heinz Ott seine Protagonisten. Die Revoluzzer von einst haben ihrem Vater nie vergeben, dass er sich nach dem Tod seiner Frau ein Leben mit großem sexuellem Freiraum aufgebaut hat. Verlogen erscheint auch ihr Verhältnis zum Geld zu sein. Zwar haben sie sich bis auf Linda nie dem schnöden Geldverdienen untergeordnet, hoffen aber, dass ihr Vater sie noch nach seinem Tod mit seinem Verdienst aus der Armuts- und Schuldenfalle befreit.

Dass am Ende alles ganz anders kommt als gedacht, verstärkt den Reiz des Buches noch. Wer einen Zugang um Wohstands-Westdeutschen sucht, findet ihn hier garantiert.

 Carl Hanser Verlag, ISBN 9783446250079

 

 

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland

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