Kati Brunner, Marjana Sawka und Sofia Onufriv (Hrsg.): Skype Mama

Welche Mutter kennt nicht das Gefühl, zu wenig Zeit für die eigenen Kinder zu haben? Die Arbeit, das "Projekt" oder andere Verpflichtungen stehen nicht selten zwischen Eltern und Kindern. Was aber, wenn die einzige Verbindung zum Kind, mittels Skype geknüpft werden kann?

Nur im Ausland gibt es für mittlerweile hunderttausende Ukrainerinnen legale wie illegale Arbeitsmöglichkeiten. Ohne diese Arbeit können die Mütter ihre Familien zu Hause nicht ernähren. Sie haben die Scheinwahl. Sie können in ihrer Heimat gemeinsam mit den Familien Not leiden oder das notwendigste im Ausland verdienen und damit ihren zurückgelassenen Kindern zumindest eine Schulbindung finanzieren.

Oft arbeiten diese Mütter in der Pflege oder der Kinderbetreuung und ermöglichen damit den Familien im reichen Teil Europas einen noch größeren Wohlstand und weitere Freiheiten. Und wir haben doch in Deutschland, Italien oder Großbritannien ein Recht auf Wohlstand und Freiheit! Oder etwa nicht? Wir arbeiten hart und unentwegt. Da muss man sich doch mal etwas leisten können und seinen Kindern etwas bieten. Ginge es Müttern wie Kindern nicht noch schlechter, wenn wir die billigen Arbeitskräfte aus Osteuropa nicht beschäftigen würden? Sicher, das ist wie mit den Hungerlöhnen in Asien für billige Textilien. Es ist zynisch so zu argumentieren. Wir könnten auch einfach weniger Wohlstand und Freiheit genießen und dafür anderen mehr Menschenwürde zugestehen.

"Skype Mama", der literarisch wie politisch hochinteressante Band mit Erzählungen aus der Ukraine, schildert auf ganz unterschiedliche Weise, wie verzweifelt sich die Kinder nach den digitalen und realen Begegnungen mit ihren Müttern sehnen, wie sehr ihre Würde verletzt wird. Egal, wer sie zu Hause betreut - der Vater, die Großmutter oder eine "Tante" -, die Mutter fehlt und der Schmerz ist kaum zu stillen. Das Aufwachsen ohne Mutter, aber mit dem Wissen, dass sie irgendwo da draußen ist, ist schier unerträglich für die Familien und bleibt ein lebenslanges Trauma.

Bleibt die Frage: Was tun wir eigentlich in Europa? Wann denken wir endlich ernsthaft über einen tragfähigen Ausgleich zwischen West und Ost, Nord und Süd, arm und reich nach?

edition.fotoTAPETA Berlin 2013 ISBN 9783940524232

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Veröffentlicht unter Belletristik, Ukraine

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