Kazuo Ishiguro: Der begrabene Riese

Der Fantasy-Roman „Der begrabene Riese“ des britischen Schriftstellers Kazuo Ishiguro passt in vielerlei Hinsicht nicht in meine Lesegewohnheiten und doch gehört er für mich zu den stärksten Büchern des Jahres 2015.

Die Erzählung spielt im 5. Jahrhundert auf der Insel Britannien. Der historische Rahmen: Nach dem Abzug der Römer – Anfang des 5. Jahrhunderts – versank das Land in den Kämpfen zwischen den Volksstämmen. Vor allem die romano-britische Bevölkerung und die Sachsen lieferten sich blutige Kämpfe. Dennoch gelang es ab einem gewissen Zeitpunkt, dass Romano-Briten und Sachsen, teils sogar innerhalb eines Dorfes, zusammenlebten. Zwar blieb ein gewisses Misstrauen, dennoch hielt der Frieden für einige Jahrzehnte.

Hier setzt der Fantasy-Roman „Der begrabene Riese“ von Kazuo Ishiguro an. Die Hauptfiguren, das Ehepaar Axl und Beatrice, leben in einem romano-britischen Dorf. Sie sind dort einigen Anfeindungen ausgesetzt, können sich aber nicht mehr erinnern, warum. Genauso wenig können sie sich an ihren Sohn oder ihr Familienleben oder ihre sonstige Vergangenheit erinnern. Es scheint ein Nebel zwischen ihnen und ihrer Umgebung sowie Vergangenheit zu liegen. Ähnliches beobachten sie auch bei ihren Nachbarn. Sie beschließen, ihr Dorf zu verlassen und ihren Sohn zu besuchen, damit sich der Nebel lichtet. Doch wie heißt ihr Sohn? Wo wohnt er? Der Weg wird sich erweisen, wenn sie erst unterwegs sind und ihr Gedächtnis zurückkommt.

Auf ihrer Wanderung finden sie Unterschlupf in einem sächsischen Dorf, das gerade von Menschenfressern bedroht wird. Schnell kochen die Emotionen hoch und das ältere Ehepaar sowie ein von den Menschenfressern verletzter sächsischer Knabe aus dem Dorf geraten in Gefahr. Die Angst, dass sich der Knabe in einen Menschenfresser verwandeln könnte, ist so groß, dass die Dorfbewohner ihn ermorden wollen. Mithilfe eines sächsischen Kriegers können der Junge, Beatrice und Axl fliehen.

Zu viert ziehen sie weiter und geraten von einem Abenteuer in das nächste. Die Angst vor dem jeweils anderen Volksstamm, vor Menschenfressern oder der Drachin lässt die Menschen hochaggressiv, verräterisch und todbringend agieren.

Im Laufe der Wanderung lichtet sich der Nebel in den Köpfen des Ehepaares. Immer mehr Erinnerungen tauchen auf. Als sie erfahren, dass der Zauberer Merlin nach dem großen Schlachten zwischen den Romano-Briten und den Sachsen einen Zauber des Vergessens über das Land gelegt hat, wollen sie gemeinsam mit dem sächsischen Krieger diesen Zauber brechen. Eine Drachin bewacht den Zauber. Sie muss getötet werden, um den Nebel des Vergessens zu lichten.

Doch was hat Vorrang: Die schlechten Erinnerungen in der Versenkung zu belassen oder die guten aus der Versenkung zu holen? Wenn sich die Menschen an all ihr Leid aus den letzten Kriegen erinnern, ziehen sie dann los und verursachen aus Rache das nächste massenhafte Leid? Oder bestärken die guten Erinnerungen die gute Seiten des Menschen?

Diese Entscheidung überlässt der britische Autor dem Leser des phantasievollen Buches.

Übrigens schwärmt Benedict Wells in einem Interview gerade von Kazuo Ishiguro:

http://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-buecher-auf-meinem-nachttisch/audio-der-schriftsteller-benedict-wells-empfiehlt-kazuo-ishiguru-100.html

Karl Blessing Verlag ISBN 9783641153267

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Veröffentlicht unter Allgemein, Belletristik, Großbritannien
4 Kommentare auf “Kazuo Ishiguro: Der begrabene Riese
  1. monerl sagt:

    Liebe Ruth,

    diesen Autor habe ich durch das Buch „Alles was wir geben mussten“ entdeckt und ich bewundere ihn sehr! Das Buch fand ich fantastisch! Es wurde zu einem Herzensbuch.

    Und gerade stopere ich über deine Rezi zu einem anderen Buch von ihm. Ich kenne es noch nicht, werde es mir aber merken und lesen. Ich bin sehr gespannt, ob Ishiguro seinen Stempel auch hier hinterlassen hat.

    GlG vom monerl

    • Ruth Justen sagt:

      Liebe GIG, danke für den Hinweis. „Alles war wir geben mussten“ kenne ich noch gar nicht. Da werde ich wohl meinen SUB mal wieder erhöhen müssen :). Darf ich dich in meine Linkliste aufnehmen? Liebe Grüße Ruth

      • monerl sagt:

        Liebe Ruth,

        sehe erst jetzt, dass du mir ja geantwortet hast! Freue mich für deinen SuB, er wird´s dir sicherlich auch danken. 🙂 Mal sehen, wann du es liest und wie du das Buch finden wirst. Ich hoffe, dass es dir auch so sehr gefallen wird wie mir.

        Gerne darfst du mich in deine Linkliste aufnehmen. Ich freue mich!

        Ganz liebe Grüße, monerl

        • Ruth Justen sagt:

          Liebe Monerl, ich nehme dich gleich in meine Linkliste auf und berichte dir, wie ich das Buch fand, sobald es in meinen SUB nach oben gerutscht ist. Hoffentlich gefällt dir Zsuzsa Banks Buch. Es ist sicher nicht jedermanns Sache.. Liebe Grüße Ruth

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