Kerstin Hensel: Regenbeins Farben

Tragik und Komik liegen in Kerstin Hensels jüngstem Werk „Regenbeins Farben“ eng beieinander. Drei Witwen treffen sich regelmäßig bei der Grabpflege auf einem Friedhof, über den im Minutentakt Flugzeuge beim Start oder Landen jegliche Friedhofsruhe ad absurdum führen. Ähnlich absurd ist auf den ersten Blick die Konstellation der Witwen.

Karline Regenbein ist mit ihren 49 Jahren die Jüngste des Trios. Sie pflegt das Grab ihres gut 20 Jahre älteren Mannes, der als Starfotograf galt. Karline, in der DDR in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, ist schüchtern, uneitel und voller Selbstzweifel in Bezug auf ihre Begabung und Kunst. Sie stand innerhalb der Beziehung, aber auch in der Wahrnehmung von Außen immer im Schatten ihres berühmten Mannes.

Mit Mitte 70 ist die zweite Witwe, Lore Müller-Kilian, noch immer der Inbegriff der Unternehmergattin. Selbst auf dem Friedhof erscheint sie nie ohne Hut und Seidenschal. Ihr verstorbener Mann war der Erbe einer Unternehmerdynastie, zu deren Umfeld die zweite – nicht standesgemäße – Gattin nie ganz gehörte. Umso mehr versucht sie, bis ins hohe Alter zumindest äußerlich dem Bild einer Dame zu entsprechen. Auch sie fühlte sich ihrem Mann, einem passionierten Kunstsammler, in diesem Bereich immer unterlegen und kauft zunächst umso mehr Kunstwerke nach seinem Tod an.

Die dritte und auf die 90 zugehende Witwe hingegen, Ziva Schlott, überstrahlt die beiden anderen deutlich. Das liegt nicht nur an ihren roten Haaren und prätentiösen Auftreten. Ziva war zu Ost- wie Westzeiten Professorin an der Kunstakademie. Bis zur Gegenwart steht ihre Expertise hoch im Kurs auf dem Kunstmarkt. Ihr verstorbener Mann leitete die Kunstakademie.

Die drei so unterschiedlichen Witwen eint nicht nur die Trauer, sondern auch die Faszination für den Witwer und Kunstgaleristen Eduard Wettengel. Eduard war ein guter Freund und Ausstellungsmacher von Karolines verstorbenem Mann, der Galerist des Kunstsammlers und Ehemanns von Lore sowie der begabte Student von Professorin Ziva.

Mit viel Augenzwinkern erzählt Kerstin Hensel, wie die drei Witwen um die Aufmerksamkeit von Eduard buhlen, während er seine Spielchen mit den drei Frauen spielt, die ihm auf die eine oder andere Art nützlich sein können, ihn aber sicher nicht das große Liebesglück bescheren werden.

„Regenbeins Farben“ ist eine kluge, sprachlich exzellente und unterhaltsame Novelle über den Kunstbetrieb und das Frauenbild in Ost- sowie Westdeutschland.

Luchterhand Literaturverlag ISBN 9783630876016

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