Kjell Westö: Das Trugbild

Helsinki am 16. November 1938: Der Anwalt Claes Thune kommt übermüdet und gereizt in seine Kanzlei. Zu allem Ärger erscheint seine Kontoristin Frau Wiik an diesem Morgen nicht im Büro. In Rückblenden erzählt Kjell Westö am Beispiel von Thunes Freundesclique und seiner Kontoristin die Geschichte Finnlands zwischen den beiden Weltkriegen oder besser die Geschichte eines Landes, eingeklemmt zwischen zwei monströsen Diktaturen.

Claes Thune, ein aufrechter liberaler Anwalt, stellt die unkonventionelle Matilda Wiik im März 1938 ein. Es entsteht ein zartes Band zwischen den beiden feinfühligen Menschen. Bei aller Liberalität gelten aber auch für Thune die üblichen Standesnormen. Und so bleibt es bei gelegentlichen guten Gesprächen.

Der Anwalt lebt von seiner Frau getrennt, die ihn für seinen besten Freund verlassen hat. Frau Wiik leidet seit zwanzig Jahren unter ihrer Haft als sogenannte Rote in einem deutschen Gefangenenlager am Ende des 1. Weltkrieges. Vor allem die Erinnerungen an die wiederholten Vergewaltigungen durch einen finnischen Kollaborateur, genannt der Hauptmann, verfolgen sie unaufhörlich.

Während der Leser Frau Wiiks Geheimnis erfährt, versinkt Thune in Selbstmitleid um die verlorene Ehefrau. Um so mehr versucht er, an seinen monatlichen Clubtreffen mit seinen Freunden festzuhalten. Er lädt sogar seinen Jugendfreund und Scheidungsgrund Robert wieder zu den Treffen ein. Retten kann Robert die Runde nicht mehr, denn der politische Riss, der durch den Freundeskreis geht, ist zu groß. Die rechtsnational Gesinnten machen einen immer unerträglicheren Eindruck und die liberalen Freunde verstummen mehr und mehr. Gut und Böse scheinen klar erkenntlich zu sein.

Doch das Romanende zeigt, wie schnell wir Trugbildern von Gut und Böse aufsitzen.

Wer sich von einem solchen Trugbild befreien möchte, sei auch dieser Roman von Kjell Westö wärmstens empfohlen.

btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House ISBN: 9783442754311

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Veröffentlicht unter Belletristik, Finnland

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