Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie

Kein Buch von der Shortlist des diesjährigen Bloggerpreises für Literatur "Das Debüt" 2017 hat mich so sehr überzeugt wie Klaus Cäsar Zehrers Roman "Das Genie".

Boris Sidis, ein junger hochintelligenter Einwanderer beherrscht zehn Sprachen, verständigt sich in weiteren sieben und liest natürlich Bücher auf Altgriechisch und Latein. Heute wäre er ein junger Wundermann.

In New York 1886 ist er nur ein weiterer Glückssuchender und verdient daher seinen Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter in Hinterhoffabriken. Er arbeitet gerade so viel, dass er nicht verhungert und genug Geld und Zeit für seine weiterführenden Studien hat.

Seine Frau Sarah stammt ebenfalls aus armen Verhältnissen. Bildung ist für sie ein Weg aus der Misere herauszukommen und die vorgesehenen Schicksalsbahnen zu durchbrechen.

Mit viel Fleiß und Intelligenz bringen es die beiden weit. Sarah ist die erste weibliche Absolventin eines Medizinstudienganges an der Boston University School of Medicine und Boris erwirbt mehrere Doktortitel an verschiedenen Fakultäten der Eliteuniversität Harvard.

Doch ihr ehrgeizigstes Projekt ist ihr Sohn. Suggestives Lernen unter Hypnose soll die Menschheit klüger machen, so Boris, der sich seit jeher als einen geborenen Lehrer ansieht. Den Beweis soll ihr Sohn Billy liefern.

Zunächst liefert Billy mehr als sich die Eltern je erträumt hätten. Er durchläuft die Schule in Windeseile. Wird als Kind Student in Harvard. Billy ist brilliant und genießt es. Zumindest bis die Medien auf ihn aufmerksam werden und die Gegner und Neider seines sehr eigensinnigen Vaters.

Als junger Mann bricht Billy das Studium ab. Er kann und will nicht mehr vorgeführt werden. Seine Intelligenz ist aber so überragend, dass er dennoch kein unauffälliges Leben führen kann. Das treibt ihn zwar nicht in den Wahnsinn, aber in eine schier unerträgliche Einsamkeit. Eine Einsamkeit, die vor allem von seinem Bruch mit den Eltern herrührt. Vater und Mutter sind enttäuscht, dass Billy ihr Lebenswerk nicht vollendet.

Das Traurige an der Geschichte: Sie beruht auf dem Leben des reellen William Sidis.

Als Tochter eines Psychologen finde ich diese Geschichte natürlich höchst spannend. Hinzu kommt, dass der Autor ein ganzes Panorama aufmacht: Die Geschichte der modernen Psychologie, die gesellschaftliche Entwicklung in den USA und die Familiendynamik der Sidis. Gleichzeitig ist das Buch ein Schmöker.

Diogenes Verlag ISBN 9783257608243

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