Kressmann Taylor: Adressat unbekannt

Seit einiger Zeit schwärmt meine Schwester von der US-amerikanischen Autorin Kressmann Taylor. Zu Recht. Denn das schmale Bändchen "Adressat unbekannt" aus dem Jahre 1938 hat es litararisch wie politisch in sich. 

Kressmann Taylor gibt in ihrem Buch einen fiktiven Briefwechsel zwischen zwei Geschäftspartnern wieder. Max Eisenstein lebt in Kalifornien und leitet die Geschäfte der Kunstgalerie Schulse-Eisenstein. In überschwänglichen, liebevollen Briefen korrespondiert er mit seinem Partner und innigen Freund Martin Schulse, der 1932 nach Deutschland zurückgekehrt ist.

Doch angesichts der Nachrichten, die aus Nazi-Deutschland nach Amerika dringen, hinterfragt Max die politischen Umstände und Ansichten seines Freundes immer mehr. Und tatsächlich entwickelt sich Martin von Brief zu Brief zum überzeugten und bekennenden Nazi, der seinem jüdischen Freund gegenüber sogar äußert: "Ihr lamentiert immer, aber ihr seid niemals tapfer genug, zurückzuschlagen. Deshalb gibt es Programme."

Wie viel Freundschaft kann nach solchen Sätzen bleiben? Lest selber auf nur 76 Seiten diese grandiose Skizze des Mitläufertums, die Erzählung von Schuld und Sühne aus einer Zeit, als an die Nürnberger Prozesse oder Hannah Ahrendts "Banalität des Bösen" noch nicht zu denken war.

Hoffmann und Campe Verlag ISBN 9783455404159

Getagged mit: , , ,
Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland, USA

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Folgen Sie Ruth liest