Marco Balzano: Ich bleibe hier

Wäre die Corona-Pandemie nicht ausgebrochen, hätte ich in diesem Mai Urlaub im Vinschgau gemacht. Als kleinen Trost für die entgangene Reise in eine der schönsten Landschaften Europas durfte ich den Roman „Ich bleibe hier“ von Marco Bolzano lesen.

Im Mittelpunkt des Romans steht die Familie von Trina und Erich. Trina erzählt rückblickend die Geschichte ihres Lebens.

Trina wuchs in Graun auf, jenem Ort, der heute berühmt ist, weil nur noch der Kirchturm aus den Stausee ragt, an dem einst der Ort stand. Trina ist die selbstbewusste Tochter eines Schreiners. Im Frühjahr 1923 steht ihr Abitur bevor und sie verliebt sich in Erich, einen Bauern. Es könnte also der Sommer ihres Lebens werden.

Südtirol war seit 1918 von den Italienern besetzt worden. Ab 1919 gehörte Südtirol nach einer Vereinbarung der Siegermächte des Ersten Weltkrieges offiziell zum Königreich Italien. Trinas Erzählung setzt mit der Verwüstung Bozens 1922 durch die Faschisten ein, die auch ansonsten den Ton angeben. Sie treten eine Welle der Italianisierung los. Zu den vielen Veränderungen gehört das Verbot, Deutsch zu lehren oder zu lernen. Auch Trinas großer Traum, Lehrerin zu werden, zerplatzt daran. Heimlich geben sie und ihre Freundinnen Deutschunterricht. Erst als eine ihrer Freundinnen daraufhin verhaftet und verschleppt wird, wird allen klar, wie mörderisch das Regime der Faschisten ist.

Dennoch können sich die beiden ein privates Glück aufbauen, bekommen einen Sohn, Michael, eine Tochter, Emma, und arbeiten hart auf ihrem Bauernhof. Als Hitler in Österreich einmarschiert wird die Spaltung des Dorfes immer deutlicher. Die einen hoffen auf eine „Befreiung“ Südtirols durch Hitler, die anderen fürchten, Hitler und seine Truppen seien noch grausamer als die Faschisten unter Führung Mussolinis. Ihre Tochter geht mit Tante und Onkel ins Reich, entscheidet sich für Nazideutschland statt für ihre eigenen Eltern. Die Eltern werden nie wieder etwas von ihr hören.

Für Erich, der Mussolini und Hitler verachtet und fürchtet, kommt eine Teilnahme am Zweiten Weltkrieg an der Seite der beiden Diktatoren nicht infrage. Er versteckt sich in den Bergen. Sein Sohn Michael hingegen ist ein begeisterter Anhänger Hitlers.

Sehr eindringlich schildert der Autor die politischen Frontlinien im Ort und innerhalb der Familien sowie die Unbarmherzigkeit der Flucht vor den Mächtigen. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zieht nur scheinbar Ruhe ein.

Über die Jahrzehnte, in denen der Roman spielt, droht der Bau des Stausees auf dem Gebiet von Graun. Immer wieder sorgen die Umstände für einen Abbruch der Bauarbeiten, bis 1950 dann tatsächlich die Bewohner aus ihren Häusern vertrieben werden und der Stausee entsteht.

Für alle, die sich für die geschichtlichen Zusammenhänge in Europa interessieren, ist der Roman ein Lesemuss.

Diogenes ISBN 9783257610079

Hinweis: Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar! Die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars hat keinerlei Einfluss auf meine Rezension.

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