Marko Dinic: Die guten Tage

Immer mehr deutschsprachige Autoren, die ihre Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien haben und vor den Balkankriegen nach Deutschland, Österreich oder der Schweiz geflohen sind, verarbeiten ihre Erfahrungen und Traumata in Romanform. Dazu gehört auch der in Wien geborene österreichische Schriftsteller Marko Dinić, der einen Teil seiner Kindheit und Jugend in Belgrad verbrachte.

In seinem Debütroman "Die guten Tage" lässt er seinen Protagonisten 20 Jahre nach den Bombardements auf Belgrad in einem Bus von Wien nach Hause zur Beerdigung seiner Großmutter fahren. Die lange Strecke bietet ausreichend Gelegenheit, über das Leben des jungen Mannes zu berichten, der bereits seit zehn Jahren in Wien lebt, ohne je nach Hause gefahren zu sein. Die Großmutter jedoch liegt ihm sehr am Herzen. Sie hat ihm das Geld gegeben, damit er nach dem Abitur sein Glück im Westen versuchen konnte. Deshalb ist es ihm auch ein Anliegen, an ihrer Beerdigung teilzunehmen.

Er ging aber nicht nur nach Österreich, um der beruflichen Perspektivlosigkeit in seiner Heimat zu entgehen. Vor allem floh er vor seinem Vater, der Enttäuschung seines Lebens. Als Beamter trat der Vater lange als überzeugter Kommunist auf. Mit dem Zerfall der jugoslawischen Republik wechselte er dann aber genau wie seine Brüder auf die Seite der Nationalisten, die von einem "Großserbien" träumten. Wendehals, Verräter - das sind nur zwei Assoziationen die dem Protagonisten im Bezug auf seinen Vater einfallen.

Ein weiterer Grund, die Heimat zu verlassen, waren die Freunde. Sie rutschten nacheinander ab. Drogen und Beschaffungskriminalität prägten ihr Leben. Auch aus dieser Hoffnungslosigkeit wollte sich die Hauptfigur retten. Doch von einer Rettung kann nur bedingt die Rede sein. Er ist gesund und hat Arbeit in Wien. Nach fünf Jahren als Illegaler arbeitete er mehrere Jahre in der gleichen Kneipe.

Aufstieg? Perspektive? Der Protagonist ist in Wien nicht wirklich angekommen und hat Belgrad im Kopf nie verlassen.

In jeder Zeile des Textes spürt man die Verzweiflung und Wut des jungen Mannes über den Mist, den die Generation seiner Eltern angerichtet hat, aber auch über die Verfehlungen der eigenen Generation.

Das Buch ist ein großartiger Kontrast zu Saša Stanišićs Werk "Herkunft", das ebenfalls vom Gehen und Ankommen handelt, aber im Ton sehr viel versöhnlicher klingt.

Paul Zsolnay Verlag ISBN 9783552059115

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Veröffentlicht unter Belletristik, Österreich
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