Mathias Enard: Straße der Diebe

Mathias Énard gehört mit nur 45 Jahren zu den ganz großen zeitgenössichen französischen Schriftstellern. Derzeit ist er mit seinem aktuellen Werk "Kompass", für das er den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung am 22. März erhalten soll, in aller Munde. In seinem 2013 auf Deutsch erschienenen Roman "Straße der Diebe" nimmt er viele Themen voraus, die Europa heute bewegen.

Der 18-jährige Lakhdar wächst im marokkanischen Tangar auf. Seine Kindheit endet jäh, als seine Familie entdeckt, dass er mit seiner Cousine Meryem ein Verhältnis hat. Er hat die Familie entehrt und muss das Vaterhaus verlassen.

Lakhdar ist auf ein Leben außerhalb des Familiennetzwerks nicht vorbereitet. Monatelang streift er durch Marokko wie ein Bettler, bis er es nicht mehr aushält und in sein Viertel zurückkehrt. Der einzige, der in all der Zeit zu ihm hält, ist sein Jugendfreund Bassam. Er verschafft Lakhdar eine Stelle als "Buchhändler" für die "Gruppe zur Verbreitung des koranischen Gedankenguts" unter der Leitung des Cheikh Noureding.

Zunächst fühlt sich der Teenager sehr wohl in seiner neuen Umgebung. Er hat ein Dach über dem Kopf, genug zu essen und zu trinken und er hat Zeit zum Lesen. Mit der Zeit übt der Cheikh immer größeren Druck auf ihn aus, sich an Aktionen zu beteiligen. So zieht er mit der Gruppe zum örtlichen Buchhändler, um ihm eine Lektion zu erteilen, da er weltliche Bücher verkauft. Natürlich ist der Buchhändler auch Lakhdars Buchhändler. Er schämt sich zutiefst, findet aber dennoch nicht aus dem Irrgarten der Gruppe heraus.

Erst als er die spanische Touristin und Arabistik-Studentin Judit trifft, werden ihm einige Zusammenhänge klar. Oder sind die Zusammenhänge gar nicht so klar? Sein Freund Bassam äußert ihm gegenüber Sätze wie "...nur ein Attentat, das die Menschen vor den Kopf stoße, Bewegung in die Dinge bringe, indem es die westliche Welt, die Bevölkerung und das Königshaus in die Konfrontation zwinge." Und nur wenige Tage später geht eine Bombe in einem Café in Marrakesch hoch. Judit meint, Bassam in der Nähe gesehen zu haben. Die gesamte Gruppe ist nach dem Attentat verschwunden. Die Moschee samt Buchladen wird abgebrannt.

Voller Zweifel und Selbstzweifel versucht Lakhdar sein Heil in Europa. Über Irrwege gelangt er in das Viertel Carrer Robadors in Barcelona. In der Straße der Diebe findet er als Illegaler ein WG-Zimmer. Kann hier alles gut werden? Er unterrichtet Judit und ihre Sudienkollegen in Arabisch, genießt die Freiheiten Spaniens und macht sich vor der Polizei so unsichtbar wie möglich.

Doch eines Tages meldet sich der Cheikh. Er besucht Spanien und hat Bassam im Schlepptau. Bassam bleibt bei Lakhdar in der Wohnung und scheint auf ein Zeichen zu warten. Immer größer wird Lakhdars Misstrauen. Bereitet Bassam ein Attentat vor? Was tun?

Das müsst ihr euch selber erlesen. Es lohnt sich. Mathias Énard legt mit der "Straße der Diebe" ein sprachliches Meisterwerk und einen klugen Roman über die fatalen Entwicklungen in Nordafrika und Europa vor.

Hanser Berlin ISBN ISBN 9783446244092

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Veröffentlicht unter Belletristik, Frankreich, Marokko, Spanien

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