Maxim Biller: Sechs Koffer

Bei der Lektüre von Maxim Billers jüngstem Werk "Sechs Koffer" hat mich ein wahrer Leserausch ergriffen.

In sechs Kapiteln erzählen sechs Mitglieder der aus Russland stammenden jüdischen Familie ihre Sicht auf sich und ihre Verwandten. Wer trägt die Schuld am Tod des Großvaters? Wer hat ihn verraten? Großvater Schmil, der als einziger in der Sowjetunion geblieben war, wurde 1960 wegen Schiebereien angeklagt und zum Tode verurteilt.

Onkel Dima war es, meint jedenfalls der Enkelsohn Schmils, der zugleich der Haupt-Erzähler des Buches ist. Er stellt uns zunächst seine engere Familie vor, die in den 50er-Jahren aus der Sowjetunion nach Prag gekommen ist und von dort wiederum 1970 nach Westdeutschland flieht. Mit der älteren Schwester verbindet den Erzähler ein enges Verhältnis, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie nur gemeinsam die spannungsreiche Familie überstehen können.

Semjon, der Vater der beiden, arbeitet als freier Übersetzer in der Familienwohnung, was immer wieder zu seiner schlechten Laune gegenüber seinen Kindern beiträgt. Zwischen Semjon und seiner Frau Radka gehören lautstarke Ehestreits zum Alltag. Dabei geht es unter anderem um die schöne Natalia Gelernter, Ex-Freundin des Vaters und jetzige Ehefrau von Onkel Dima. Onkel Dima wiederum musste zwischen 1960 und 1965 fünf Jahre im Gefängnis verbringen, da er beim missglückten Fluchtversuch in den Westen verhaftet wurde. Hat er bei den Verhören den eigenen Vater verraten? Gut möglich, finden auch andere Familienmitglieder.

Aber könnte nicht auch Onkel Dimas Ehefrau Natalia ihre Hände im Spiel gehabt haben? Und was ist mit dem in der Schweiz lebenden Onkel Lev, der jeden Kontakt zur Familie abgebrochen hat? Vielleicht aus Schuldgefühlen heraus? Oder Radka, die Schwiegertochter des zum Tode verurteilten Großvaters? Was immer die drei damit zu tun haben, erfährt der Leser in den aus ihrer Sicht geschriebenen Seiten des Buches.

Maxim Biller hat 208 Seiten voller Spannung abgeliefert, die auf drei Ebenen funktionieren. Erstens auf der Familienebene: Alle Familienmitglieder sind sehr beredt, gleich mehrere sind Autoren, dennoch herrscht ein großes Schweigen über die Familienhintergründe vor. Zweitens ist "Sechs Koffer" eine Geschichtsbuch über die Verwicklungen zwischen Ost und West im 20. Jahrhundert. Drittens ist es ein Buch über Migration.

"Sechs Koffer" ist ein wahrer Leseschatz!

Kiepenheuer & Witsch ISBN 9783462319095

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland
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