Meir Shalev: Zwei Bärinnen

Meir Shalev gehört seit Jahren zu meinen Lieblingsautoren. Als ich jedoch sein jüngstes auf Deutsch veröffentlichtes Werk "Zwei Bärinnen" im letzten Herbst das erste Mal las, tat ich mich zunächst schwer. Doch anlässlich der International Jerusalem Book Fair hatte ich das Glück, Meir Shalev am 8. Februar in kleiner Runde treffen zu können. Das Gespräch gab mir den Anstoß, das Buch erneut zu lesen.

Der Roman "Zwei Bärinnen" spielt auf drei Zeitebenen, die dicht miteinander verwoben sind.

Zu Beginn trifft der Leser auf ein Ehepaar im israelischen Hier und Heute: Ruta und Etan. Sie haben vor Jahren ihren damals sechsjährigen Sohn durch einen Schlangenbiss verloren. Da Etan alleine mit seinem Sohn unterwegs war, ist er für immer und ewig schuldig, jedenfalls in seinen Augen und denen seiner Frau. Eine Schuld, die nicht wieder gut zu machen ist, aber vielleicht ein wenig abgetragen werden kann? Und so greift er 12 Jahre nach dem Tod seines Sohnes zur Waffe und rächt mit Rutas Billigung den Tod ihres Großvaters, der im hohen Alter überfallen und getötet worden war.

Die zweite Handlungsebene ist die Schilderung der tödlichen Wanderung von Vater und Sohn - mit all ihren impliziten Gefühlen und Gedanken von Ohnmacht, Schuld, Ehre und Versagen.

Die dritte Zeitebene widmet sich der Ehegeschichte von Großvater Seev. Der Großvater gehört zur Gründergeneration des Staates Israel. Ein starker von allen im Moschav angesehener Bauer. Er beschafft sich die Braut seiner Wünsche. Nur ein Wunsch geht nicht in Erfüllung: Ein Kind zu zeugen, gelingt ihm nicht. Seine Frau Ruth findet im eher zarten Nachbarn einen geeigneten Erzeuger. Doch es dauert nicht lange und Seev kommt hinter diesen Verrat. Nachbar Nachum bezahlt mit seinem Leben dafür. Die ganze Siedlung weiß natürlich über die Tat bescheid, aber die Menschen schweigen und zollen innerlich dem Täter sogar Hochachtung.

Ob die Schilderung des "Blut- und Rachekreislaufes" und der fast biblischen Erzählung von Schuld und Sühne eine Parabel auf die heutige politische Situation Israels ist? Meir Shalev betonte im Gespräch in Tel Aviv, er sei kein politischer Schriftsteller. Vielleicht vermuten nur Nicht-Israelis hinter jeder Zeile eines israelischen Autoren ein politisches Statement? Ich weiß es nicht, aber wir alle werden im März zur Leipziger Buchmesse 2015 Gelegenheit haben, Meir Shalev das persönlich zu fragen. Er stellt in Leipzig anlässlich des Messeschwerpunktes "1965 bis 2015. Deutschland-Israel." sein jüngstes Buch dem Publikum vor.

Diogenes Verlag ISBN 9783257604405

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Veröffentlicht unter Belletristik, Israel

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