Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf

Weihnachtsferien haben den ungemeinen Charme, dass man endlich Bücher zur Hand nimmt, die schon lange auf einen warten. Hierzu gehört der preisgekrönte Roman "Tauben fliegen auf" von Melinda Nadj Abonji.

Ildiko, die Ich-Erzählerin des Romans, wächst zwischen zwei Welten auf. Ihre Familie gehört zur ungarischen Minderheit der Vojvodina in Serbien. Die Eltern sehen in Titos Sozialismus wenig persönliche Perspektiven und ziehen als "Gastarbeiter" in die Schweiz. Dort wachsen Ildiko und ihre Schwester behütet und in relativem Wohlstand auf. Sie sind aber auch den offenen und verdeckten Anfeindungen ihrer Schweizer Nachbarn ausgesetzt. Ihr emotionales Zuhause liegt daher weiterhin in der Vojvodina. Jedes Jahr fährt die Familie zur Ferienzeit in den Heimatort zu Großmutter und Onkel, wo die Kinder eine unbeschwerte und glückliche Zeit erleben.

Ein ganz normales Emigrantenschicksal? Ja, bis sich Jugoslawien ab 1991 auflöst und die Zugehörigkeit zu welcher Volksgruppe auch immer über Leben und Tod entscheidet. Der Lärm von Vertreibung, Massaker und Krieg dringt bis in die Schweiz, so dass die Angst um die Angehörigen und Schuldgefühle immer stärker das Leben der Exil-Familie überschatten.

Melinda Nadj Abonji hat ein leises, fast schon mädchenhaftes Buch geschrieben. Einfühlsam schildert sie die Erlebnisse und Gefühle der jungen Frau. Dennoch fehlt es der Erzählung an Tiefgang. Der Roman ist zwar fesselnd zu lesen und beleuchtet ein wichtiges Kapitel europäischer Geschichte, ob er dafür aber den Deutschen Buchpreis 2010 verdient hat? Große Literatur liest sich anders.

Jung und Jung 2010, ISBN 978 3 902497 78 9

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Veröffentlicht unter Belletristik, Schweiz, Ungarn
2 Kommentare auf “Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf
  1. Mariki sagt:

    Ich hab das Buch auf der Wunschliste (heuer erscheint das TB) – aber jetzt bin ich nicht mehr so sicher, ob ich es lesen soll … naja, beim Taschenbuchpreis ist nicht so viel verhaut 😉

    • Ruth Justen sagt:

      Oh je, ich wollte dich nicht verunsichern. Es ist mein persönlicher Blick auf das Buch und der ist natürlich sehr von mir und meinen Stimmungen abhängig. Beim Taschenbuch ist das Risiko ja wirklich nicht so hoch. Bin gespannt, wie du das Buch findest.

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