Michael Köhlmeier: Die Abenteuer des Joel Spazierer

Michael Köhlmeier erzählt in seinem Roman "Die Abenteuer des Joel Spazierer" die Geschichte eines großen europäischen Lügners und Betrügers.

Zu Beginn des 650 Seiten starken Romans des österreichischen Autoren trifft der Leser auf den vierjährigen Jungen András Fülöp. Seine Großeltern, bei denen er wohnt, wurden gerade von der ungarischen Geheimpolizei verhaftet und verschleppt. Der Junge bleibt vier Tage und fünf Nächte allein in der Wohnung, bis seine noch sehr junge Mutter eher zufällig ihre Familie besuchen will und ihn entdeckt.

Voller Empathie folgt der Leser dem Jungen und seiner Familie, die versucht, sich durch die politischen Wirren des Jahres 1956 zu schlagen. Doch die inzwischen entlassenen Großeltern, die Eltern und András fliehen zu früh aus Ungarn. In der Wahrnehmung des Westens herrscht im Osten Tauwetter und damit kein Grund zur Flucht. Erst die Niederschlagung des Aufstandes in Ungarn durch sowjetische Truppen im Herbst 1956 öffnet die Herzen und die Geldbeutel der Österreicher für die ungarischen Flüchtlinge. Also schleicht sich die Familie zurück nach Ungarn und flieht erneut nach Österreich.

Erst diese Lüge erlaubt ihnen ein menschenwürdiges Dasein im Westen. Doch auf die erste Lüge folgt sogleich die zweite und auch die dritte. Am Ende des Buches ist der Leser mit András, inzwischen Joel Spazierer, durch die Schweiz, West- wie Ostdeutschland, der Sowjetunion, Frankreich, den USA und Mexiko gefolgt. Und hat dabei viel gelernt über den Stellenwert der Lüge in Ost wie West und unsere Sehnsucht nach geglaubter Wahrheit.

Erfahren hat der Leser aber auch, dass ein Schelmenroman abenteuerlich leicht und gut geschrieben sein kann.

Carl Hanser Verlag, ISBN 9783446241787

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland, Österreich, Schweiz, Ungarn

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