Milenko Goranovic: Das Rot, das nach der Asche riecht

„Das Rot, das nach Asche richt“ ist ein weiteres Glanzstück der Literaturförderung vom „Grenzgänger“-Programm der Robert-Bosch-Stiftung und dem Literarischen Colloqium Berlin. Der Roman des 1955 in Bosnien geborenen Autors, Übersetzers, Schauspielers und Regisseurs Milenko Goranović spielt in Sarajevo.

Anhand des Gebäudes „Beledija“, das Ende des 19. Jahrhunderts als Prachtbau geplant wurde, aber in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Gefängnis diente und seither von Geflüchteten und Obdachlosen genutzt wurde, erzählt der Autor die wechselvolle Geschichte Sarajevos und seiner Bewohner.

Baumeister Moritz Berger reist im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nach Sarajevo, um einen städtischen Bau zu planen und umzusetzen. Er hält seine Berechnungen und Zeichnungen in einem grünen Heft fest, scheitert aber an der Ausführung, weil sich die politischen Verhältnisse ständig ändern und damit mal die Pläne genehmigt und mal abgelehnt werden. 1895 entsteht ein rechteckiges Gefängnis, das weit von den lichtdurchfluteten Plänen Moritz Bergers entfernt ist.

Alle Versuche der nachfolgenden Generationen, die Pläne auf Grundlage des grünen Heftes doch noch umzusetzen, scheitern zum einen an eben jenen ständig wechselnden politischen Mehrheiten, aber auch an der rohen Gewalt der verschiedenen Epochen.

Moritz Bergers Nichte Ida Špieler, die am Bauhaus in Dessau studiert und später in Berlin als Webkünstlerin und Textildesignerin arbeitet, war Jüdin und wurde 1944 in Auschwitz ermordet.

Ihr Freund Alexander Kuckla oder Professor Švabo geht nach dem Krieg ins Ausland und kehrt 1966 auf Einladung des Jugoslawischen Botschafters in den USA nach Sarajewo zurück, um Idas Traum, die Beledija zu sanieren und nach den alten Plänen weiterzubauen, zu verwirklichen. Er wurde 1968 bei den Studentenunruhen als Rädelsführer angeklagt und ermordet.

Sein Student Geljo Ćopo versucht ebenfalls die Pläne umzusetzen. Deshalb hält er sich auch zur Zeit des beginnenden Bosnienkrieges in Sarajevo auf. Er wurde 1992 erschossen.

Die traurige Geschichte der „Baumeister“ wird uns von „der Ratte“ erzählt, nachdem Geljos Tochter Jula 22 Jahre nach ihrer Flucht als Fünfjährige aus dem belagerten Sarajevo vor seiner Berliner Tür steht.

Der Roman, der auf wahren Begebenheiten beruht, ist spannend zu lesen. Allerdings springt der Autor extrem zwischen den Figuren und Zeitepochen. Das ist zuweilen verwirrend. Doch die Lektüre lohnt sich auf jeden Fall.

Wieder Verlag ISBN 9783990293621

Hinweis: Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar! Die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars hat keinerlei Einfluss auf meine Rezension.

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