Mirna Funk: Winternähe

Berlin, Tel Aviv, Bangkok - in diesem Dreieck spielt sich das Drama um Lola im Jahr 2014 ab. Lola ist Mitte dreißig. Sie wuchs in Ostberlin auf. Die jüdische Familie ihres Vaters Simon stammt aus Deutschland, floh nach Israel und immigrierte in den 50er-Jahren in die DDR. Schwierig genug? Nein. Da geht noch was.

Als Vater Simon aus der DDR flieht, lässt er seine erst sieben Jahre alte Tochter bei den Großeltern zurück. Nach der Friedlichen Revolution besucht er Lola immerhin für ein paar Monate pro Jahr in Berlin.

Ihre Mutter Petra hat hingegen eine typische DDR-Heimkarriere hinter sich, als sie sich in Lolas Vater verliebt. Nach dem Mauerfall macht sie "rüber", heiratet und steigt in die Millionärskreise Hamburgs auf. Die sporadischen Kontakte zwischen Mutter und Tochter sind daraufhin von Herzenskälte geprägt.

Einzig Lolas Großeltern väterlicherseits geben ihr Halt und Geborgenheit. So macht der Tod der Großmutter der bereits erwachsenen Lola sehr zu schaffen, zumal der Großvater nach dem Tode seiner Frau wieder nach Israel zieht. 

Lola fühlt sich in jeder Hinsicht allein gelassen. Nicht nur von der Familie. Nach der Halacha gelten nur Kinder jüdischer Mütter als jüdisch. Die jüdische Gemeinschaft verweigert ihr dementsprechend die Anerkennung als Jüdin. Dieser Fakt belastet sie nicht nur seelisch, er macht sie in gewisser Weise noch schutzloser. Denn die Gemeinschaft bietet auch einen Schutz gegen den wachsenden und öffentlich geäußerten Antisemitismus in Deutschland.

Womit wir mitten im eigentlichen Thema des Romans "Winternähe" wären. Denn die Erzählung spielt im Sommer 2014. Sie beginnt in Deutschland kurz vor dem Ausbruch des Gaza-Krieges. Die Berichterstattung über den Krieg gleitet vielerorts in antisemitische Klischees ab. Lola reist aus persönlicher Verzweiflung nicht aus politischen Gründen nach Israel und wird dort vom Raketenregen überfallen. Nach dem Ende des Raketenbeschusses verbringt sie einige Zeit in Thailand, um das Erlebte besser verarbeiten zu können.

Eindringlich und authentisch schildert die Erzählerin, was der Krieg mit uns Menschen macht. Der Roman seziert aber auch schonungslos die antisemitischen Strömungen in Deutschland. Gleichzeitig gelingt es der Autorin, den innerisraelischen Blick auf den israelisch-palästinensischen Konflikt zu zeigen.

Schuld, Schuldgefühle - erinnern und verdrängen - Mirna Funk gelingt eine kluge und hochaktuelle Analyse des deutsch-israelisch-palästinensischen Geschichtsdreiecks. Für mich die perfekte literarische Vorbereitung auf meine kurze vorweihnachtliche Reise nach Israel mit dem Gewandhausorchester und dem Thomanerchor.

S. Fischer Verlag, ISBN: 9783104035048

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland, Israel

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