Mirna Funk: Zwischen du und ich

Mit dem Roman „Zwischen du und ich“ ist Mirna Funk eines der beeindruckendsten Geschichten über das Frausein gelungen.

Nike, eine erfolgreiche junge Frau, begegnet eines Morgens unverhofft ihrem Ex-Freund Sascha. Vor 15 Jahren hatte sie ihn von einer Minute auf die andere verlassen und seither keinen Kontakt gehabt. Auch jetzt bleibt es beim Sichtkontakt. Doch der offenbart, dass Sascha inzwischen Vater dreier Kinder ist.

Warum ist Sascha ein Lebensglück beschieden, das Nike für sich nicht erreicht hat. Nach und nach erfahren die Lesenden, warum die junge Frau damit besonders hadert. Sascha war in den Jahren ihres gemeinsamen Lebens mehrfach gewalttätig. Obwohl sie es geschafft hat, sich von ihm zu trennen, bleibt das Gefühl der Scham untrennbar mit ihr verbunden.

„Die Scham, die mich seit über fünfzehn Jahren kontrollierte, wich zum ersten Mal einem zarten Gefühl von Ungerechtigkeit. Dass Sascha einfach so hatte weitermachen können, ohne bestraft zu werden für das, was er mir zwei Jahre lang angetan hatte.“

Als sie beruflich die Option erhält, für ein Jahr von Tel Aviv aus für ihren Arbeitgeber, den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), zu arbeiten, ergreift sie diese spontan.

Ein Neuanfang. In jeder Hinsicht. Denn gerade ihre jüdische Großmutter hat als überzeugte Kommunistin den Staat Israel und jede Reise dorthin immer vehement abgelehnt.

Nike versucht trotz anfänglichem Fremdheitsgefühl in Tel Aviv einen Neustart. Sie verliebt sich in Noam und öffnet sich nach und nach ihm und seiner ganz offensichtlich auch zutiefst verletzten Seele. Sein Vater starb als er ein Kind war. Seine Mutter ging ohne ihn zurück nach Deutschland. Noam fand zwar bei seinem Onkel ein neues Zuhause, aber gerade diese Nähe ist manchmal eher ein Gefängnis und noch immer auch mit körperlicher Gewalt verbunden. Zudem wurde Noam als Kind von seinem Trainer missbraucht.

Zwei so verletzte Menschen sollten doch eigentlich gut zusammenpassen? Anders als Nike, die sich ihren Traumata stellt, rennt Noam vor ihnen so lange fort, bis ein gemeinsames Trauma entsteht.

„Das Warum war egal. Ich musste nicht nach vermeintlichen Gründen suchen. Mir nicht die Schuld dafür geben.“

Passend zum Weltfrauentag am 8. März erzählt Mirna Funk von Gewalt gegen Frauen, die allgegenwärtig ist. Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet. Die Autorin zitiert eine Studie aus dem Jahr 2017, nachdem alle vier Minuten in Deutschland eine Frau einen Fall von Häuslicher Gewalt meldet. Und das sind nur die gemeldeten!

Hoffentlich kann dieses besondere Buch dazu beitragen, dass mehr Frauen Schuld- und Schamgefühle ablegen, sich selber damit befreien und den zuschlagenden Männern Grenzen aufzeigen.

dtv Verlagsgesellschaft ISBN 9783 423282673