Moische Kulbak: Die Selmianer

Dank meiner ehemaligen Jiddischlehrerin und langjährigen Freundin Esther Alexander-Ihme habe ich diesen wunderbaren 396. Band der Anderen Bibliothek entdeckt. Die hervorragende Übersetzung aus dem Jiddischen stammt von Esther Alexander-Ihme und Niki Graça. Moische Kulbak schrieb Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre "Die Selmianer" im sowjetischen Minsk, wohin er aus dem polnischen Wilna umgezogen war.

In "Die Selmianer" beschreibt er eine jüdische Großfamilie über vier Generationen, die in einer Kleinstadt irgendwo in der westlichen Sowjetunion in einem verfallenen Hof lebt. In Armut, Elend und Perspektivlosigkeit der Mehrheit der Familie brechen zunächst die Erfindung der Elektrizität und später der Sozialismus ein. Der Siegeszug der Elektrizität bietet mit elektrischen Nähmaschinen und Radios zuhause sowie mit Kinos und Straßenbahnen in der Stadt neue Perspektiven. Doch mit dem Aufkommen des Sozialismus verengen sich diese wieder. Denn die neuen Machthaber entpuppen sich als Despoten, die alle Andersdenkenden bedrohen und später auch vernichten. Kulbak nutzt die Größe der Familie, um die Vielschichtigkeit menschlicher Ideen, Gefühle und Reaktionen in dieser Umbruchs- und Schreckenszeit aufzuzeigen.

Ein Wunder, dass "Die Selmianer" ab Dezember 1929 bis Ende 1930 in Fortsetzung in der "Stern", einer der radikalsten sowjetischen Zeitschriften in Minsk, wie Susanne Klingenstein in ihrem Nachwort schreibt, abgedruckt wurde. In Buchform erschien das Werk 1931. Denn mit der Machtübernahme durch Stalin veränderte sich die politische Gemengelage. Ab 1930 galt das Leben oder Erinnern an jüdische Religion, Identität oder Tradition als konterrevolutionär. Dazu gehörte auch die jiddische Sprache. Moische Kulbak setzt aber mit seinem Werk genau dieser jüdischen Welt in all ihren Facetten ein bemerkenswertes Denkmal der Erinnerung. So schützt ihn auch die Romanfigur "Bere", einem strammen sowjetischen Helden in Band 2, nicht mehr vor der Verfolgung und Vernichtung. Am 29. Oktober 1937 wurde sein Todesurteil durch Erschießen vollstreckt.

Das Buch besticht nicht nur durch das Thema und die Sprache, sondern auch durch die Gestaltung von Christian Gralingen.

AB - Die Andere Bibliothek ISBN 9783847703969

Foto: Ruth Justen

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Veröffentlicht unter Belletristik, Jiddisch, Weißrussland
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