Nadeen Aslam: Der Garten des Blinden

Seit Monaten schaut alle Welt zurück auf den Beginn des Ersten Weltkrieges und den Konflikt in der Ukraine. Der in Pakistan geborene britische Schriftsteller Nadeen Aslam blickt hingegen auf sein Geburtsland in den Monaten nach 9/11.

Zwei junge Männer aus Pakistan machen sich auf den Weg nach Afghanistan. Jeo ist Medizinstudent, glücklich verheiratet und stammt aus einer gläubigen, nicht radikalen muslimischen Familie. Er zieht nicht als Kämpfer in das von den Amerikanern und ihren Verbündeten überfallene Land, sondern als Lazarettmitarbeiter. In seinem Hinterkopf scheint er zu wissen, dass es keine sehr kluge Entscheidung ist, denn er erzählt ausschließlich seinem besten Freund und Ziehbruder Mikal von seinen Plänen. Der halt- und ziellose Mikal ist in die Frau von Jeo verliebt. Daher hegt er Schuldgefühle gegenüber seinem Freund. Er will Jeo begleiten, um ihm beizustehen und einen Teil seiner vermeintlichen Schuld abzutragen.

Das Unglück nimmt seinen Lauf und wird durch die Machenschaften lokaler Radikaler verstärkt. Sie wollen die beiden jungen Männer aus dem Weg schaffen, um ihren Vater zu treffen.

Aslam erzählt meisterhaft die Geschichte einer Familie – eingekeilt zwischen Tradition, Moderne, Respekt vor der eigenen Kultur und der Sehnsucht nach einem wie auch immer gearteten besseren Leben. Freundschaft, Familie und Loyalität prägen das Leben. Eine Loyalität, die zu einem teils tödlichen, teils lebensrettenden Ausgang führt. Und zugleich seziert der Autor den Kreislauf der Gewalt. Einer Gewalt, die vor allem aus Misstrauen und Missverständnissen entsteht. Unkenntnis und Sprachbarrieren sowie Angst voreinander verhindern jegliche Annäherung zwischen den amerikanischen oder britischen Soldaten und den Einheimischen. Hinzu kommen die Profiteure der Gewalt. Ob Lokalfürsten, Warlords oder Offiziere – der Krieg macht sie zu Gewinnern.

Auf der Strecke von Radikalen wie Profitsüchtigen bleiben all die Männer, Frauen und Kinder, die mit ihrem Leben oder zumindest mit ihrer persönlichen Unfreiheit bezahlen.

Ein Buch für Leser mit starken Nerven, dass einen zutiefst pessimistisch zurücklässt.

Deutsche Verlags-Anstalt ISBN 9783421045881

Veröffentlicht unter Afghanistan, Belletristik, Pakistan

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