Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol

Was für eine Geschichte: Die Schriftstellerin Natascha Wodin wächst in einer ärmlichen Siedlung von ehemaligen Ostarbeiterinnen am Stadtrand von Nürnberg auf. Ihre Mutter kündigt lange ihren Selbstmord an und geht dann tatsächlich am 10. Oktober 1956 ins Wasser. Sie hinterlässt zwei in hohem Maße traumatisierte Kinder, die im Heim aufwachsen, weil der Vater schon lange vorher das Weite gesucht hat. Knapp 60 Jahre nach dem Tod der Mutter setzt sich Natascha Wodin hin und sammelt ihre eigenen Puzzlestücke der Erinnerung und verknüpft sie mit den Informationen, die ihr das World Wide Web über ihre Familie preisgibt. 

Aus all den Puzzlestücken entsteht das Buch "Sie kam aus Mariupol". Ein Buch, das die Schrecken des ganzen 20. Jahrhunderts anhand der italienisch-ukrainischen Familie von Nataschas Mutter zum Inhalt hat. Das Buch beginnt mit den bruchstückhaften Erinnerungen von Natascha Wodin an das Wenige, was ihre Mutter über ihre Familie in der Ukraine erzählt hat. Lange Zeit hielt die Tochter die Erzählungen der Mutter für Fantastereien.

Doch auf ihrer Spurensuche zeigt sich, dass die Mutter die Wahrheit erzählt hat. Sie stammte wirklich aus einer sehr wohlhabenden Familie. Die Großeltern der Mutter waren reiche Unternehmer. Die Eltern hingegen wirkten am Umsturz des Zaren und dem Aufbau des Sozialismus mit, bis der Stalinterror auch ihre Familie erreichte. Nataschas Mutter, 1920 geboren, hat wohl nie etwas anderes als Angst und Hunger erlebt. Ob sie freiwillig 1943 nach Deutschland ging und vor der Roten Armee floh oder zu den Millionen gehörte, die von den Deutschen zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurde, kann heute nicht mehr geklärt werden.

Fest steht, dass die Eltern von Natascha als Ostarbeiter die grauenvolle Zeit in Deutschland nur knapp überlebten und nach dem Krieg als Russen stigmatisiert wurden. Es gab kaum Perspektiven, nur den täglichen Kampf um das nackte Überleben. Der Selbstmord der Mutter scheint aus heutiger Sicht nur die logische Konsequenz auf ein wahnsinniges Jahrhundert zu sein. 

So dient das Buch als späte Aussöhnung zwischen Mutter und Tochter. Natascha Wodin hat auf der Suche nach der Mutter eine ganze Familie gefunden, auch wenn die meisten Verwandten längst tot sind. 

"Sie kam aus Mariupol" ist ein ungemein berührendes Buch, das völlig zu recht für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 nominiert ist und derzeit in fast jeder Literaturbeilage zur Leipziger Buchmesse besprochen wird.

Rowohlt Verlag ISBN 9783 498073893

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland, Ukraine
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  1. […] Ruth liest, Hauke von Leseschatz und Simone Trieder (Fixpoetry) hab dieses Buch bereits gelesen und besprochen. […]

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