Norbert Gstrein: Die Winter im Süden

In seinem Roman "Die Winter im Süden" zeichnet Norbert Gstrein literarisch die Spuren nationalsozialistischer Verbindungen zwischen Kroatien und Argentinien auf.

Ein österreichischer Polizist außer Dienst sucht neue Hoffnung in Argentinien. Er findet eine Anstellung als Sicherheitsbeamter bei einem Herrn mit zweifelhafter Vergangenheit und junger Familie.

Der alte Mann ist gebürtiger Kroate und hat das Ende des 2. Weltkrieges genutzt, um zu verschwinden. Seine Flucht vor der neuen Gesellschaftsordnung in Yugoslawien nach 1945 ist auch eine Flucht vor seiner ersten Frau und seiner Tochter. Die Wirren des Balkankrieges führen ihn zurück in die alte Heimat. Gemeinsam mit den Kämpfern von einst will er sich in den Balkankrieg einmischen. Sein Vermögen reicht aber nicht, um in Zagreb ernst genug genommen zu werden. So sucht er per Anzeige nach seiner Tochter und gleichzeitig hintertreibt er jede Begenung mit ihr.

Seine Tochter lebt seit dem Ende des 2.Weltkrieges in Wien. Sie steckt Mitten in einer Ehe- und Lebenskrise, die sie ausgerechnet in ihrer Geburtsstadt Zagreb zu Beginn des Bürgerkrieges verbringt. Das ihr Vater lebt, ist ein Schock für Sie. Und natürlich versucht sie, ihn zu treffen.

Alle Romanfiguren wirken seltsam losgelöst und einsam. Einzig der alte Kämpfer scheint einen Sinn im Leben zu entdecken, wobei er sinnlos mit den Menschen in seiner Umgebung spielt. Er hat nichts von seiner Boshaftigkeit, seinem Rassismus als faschistischer Krieger verloren. Geradezu hilflos stehen ihm die anderen Figuren im Roman entgegen. Besser gesagt, sie stehen ihm nicht entgegen, sie entziehen sich ihm. Ein treffendes Bild für die Mehrheit der demokratischen Gefüge von heute.

Hanser Verlag 2008, ISBN 9783446230484

Getagged mit: , , ,
Veröffentlicht unter Belletristik, Kroatien, Österreich

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Folgen Sie Ruth liest