Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt

Die junge Autorin Olga Grjasnowa legt mit ihrem Debütroman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ ein erstaunliches und lesenswertes Werk vor.

Ihre Hauptfigur, Mascha, stammt aus Aserbeidschan. Als Kind macht sie dort traumatische Erfahrungen durch den Konflikt zwischen der aserbeidschanischen Mehrheit und der armenischen Minderheit. Ihre jüdische Familie sitzt buchstäblich zwischen den Stühlen der verschieden Bevölkerungsgruppen. Mit 11 Jahren ziehen sie und ihre Eltern nach Deutschland. Dort nimmt Mascha nach dem Abitur ein Studium als Übersetzerin in Frankfurt am Main auf und träumt von einer großen Karriere bei der UNO.

Der Leser begegnet zunächst der begabten, hoffnungsfrohen und verliebten Mascha, die mit ihrem Freund Elias zusammenlebt und einen wunderbaren, multikulturellen Freundeskreis hat. Alles ist scheinbar gut. Wären da nicht die Albträume, die sie immer wieder an den Krieg in Aserbeidschan erinnern und die sie nicht mit ihrem Freund teilen will. Ein harmloses Fußballspiel führt zu einer schweren Verletzung und dem plötzlichen Tod von Elias. Ein Ereignis, das Mascha völlig aus der Bahn wirft. Schließlich macht sie sich auf die Suche nach sich selbst und auf dem Weg nach Israel. Dort begegnet sie israelischer Gewalt an Palästinensern. Mit welchen Folgen für Mascha oder ihre Freunde erfährt der Leser nicht. Hier endet das Buch.

Olga Grjasnowa hat am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig ihr sprachliches Handwerk erlernt. Das Leipziger Literaturinstitut steht seit der Friedlichen Revolution für eine ganze Reihe spannender und begabter Autoren. Autoren, die nicht nur sprachlich auf höchstem Niveau agieren, sondern auch inhaltlich in die Tiefe der menschlichen Seelen und politischen Abgründe vordringen. In dieser Tradition steht auch Olga Grjasnowa. Auch ihre Romanfiguren sind eingebettet in politische Strukturen, die die Autorin versucht aufzuzeigen. Hier sehe ich allerdings auch die einzige Schwachstelle des Romans. Auf mich wirkt gerade die politische Einschätzung Israels zu flach, zu wenig differenziert. Der Blick ist hier eher auf die Gräben zwischen Israelis und Palästinenser gerichtet als auf den Brückenbau zwischen beiden Parteien. Da gehen Romane wie „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ von David Grossmann oder Zeruya Shalevs „Für den Rest des Lebens“ sehr viel reifer, tiefer und wertschätzender mit den am Konflikt beteiligten Menschen um.

Carl Hanser Verlag ISBN 978344623854

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Veröffentlicht unter Aserbeidschan, Belletristik, Deutschland, Israel

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