Olga Grjasnowa: Der verlorene Sohn

Migration gilt als Modethema. Als ob es nur die heutigen Lebensläufe und Gesellschaften beeinflussen würde. Migration und die damit einhergehenden persönlichen und gesellschaftlichen Konflikte sind so alt wie die Menschheit. Das zeigt Olga Grjasnowa sehr eindrucksvoll in ihrem jüngsten Roman „Der verlorene Sohn“.

Der verlorene Sohn heißt Jamalludin. Er ist der älteste Sohn des Imams Schamil. Dieser führt seit Jahren einen erbitterten Krieg gegen die Armee des Zaren, um die Besetzung des Nordkaukasus zu verhindern. Im Jahr 1838 ist der Blutzoll so hoch, dass er auf Druck seiner Mitstreiter mit Zar Nikolaus verhandelt. Der fordert ein Unterpfand für ein paar Tage: den ältesten Sohn des Imam.

Schweren Herzens schicken die Eltern das Kind fort. Die russische Seite bricht die Verabredung und bringt den Jungen sofort nach St. Petersburg. Dort wächst er unter der Obhut des Zaren persönlich in einer Elite-Kadettenanstalt auf. Der Plan des Zaren ist so einfach wie perfide: Entfremde den Sohn von seinem Vater so weit wie es nur geht, mit Strenge, aber auch mit allen gesellschaftlichen Privilegien der russischen Oberschicht.

Anfangs fühlt sich Jamalludin völlig fremd. Er versteht kein Wort und alle ihm bekannten gesellschaftlichen Verhaltensweisen gelten in St. Petersburg nicht. Als Sohn des berühmten Kriegsgegners und als Muslim erfährt er viel Zurückweisung, findet aber auch gute Freunde. Als er die Hoffnung aufgibt, jemals wieder in den Kaukasus zurückzukehren und sich fast vollständig in die russische bessere Gesellschaft eingefügt hat, soll er ausgetauscht werden. Denn der Vater hat zwei georgische Prinzessinnen entführt.

So kehrt der Junge als erwachsener Mann und als Offizier der russischen Armee zurück in den ihm völlig fremd gewordenen Kaukasus. Wieder kämpft er mit einer Sprachbarriere, da ihm die Muttersprache nicht mehr geläufig ist. Wieder ist er der Fremde, erfährt Misstrauen und Zurückweisung. Und wieder tobt der Krieg weiter.

Olga Grjasnowa hat über Jahre zu den historischen Hintergründen dieses historischen Falles recherchiert. Das hat sich ausgezahlt. Der verlorene Sohn lohnt sich nicht nur aufgrund der wunderbaren Sprache zu lesen, sondern auch wegen des vielfältigen Erkenntnisgewinns.

Aufbau Verlag ISBN 9783841225528

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