Olga Tokarczuk: Die Jakobsbücher

Olga Tokarczuk gilt seit Jahren als eine der talentiertesten Schriftstellerinnen Polens und steht damit lange schon auf meiner Lektüreliste. Aber auch Buchbloggerinnentage haben nur 24 Stunden und so ist ihr jüngstes, im Oktober beim Kampa Verlag erschienenes Buch „Die Jakobsbücher“ mein erstes Werk der Literaturnobelpreisträgerin 2018. Ein Buch, das ich unbedingt lesen wollte, schließlich bin ich der sagenumwobenen Gestalt Jakob Franks bereits vor Jahrzehnten in meinem Judaistikstudium begegnet.

Voller Neugier nahm ich die Lektüre des knapp 1.200 Seiten starken Buches auf. 14 Tage brauchte ich, bis ich auf der letzten Seite ankam. Für mich eine ungeheuer lange Lesezeit. Dennoch ist sie viel zu kurz bemessen. Denn Olga Tokarczuk begnügt sich nicht mit der ereignisreichen Geschichte des Jakob Frank, der 1726 in einer jüdischen Gemeinde im damaligen Polen geboren wurde und 1791 in Offenbach am Main als Christ starb.

Jakob Frank war schon zu Lebzeiten ein Mythos, ein religiöser Anführer, der Abertausende zum Übertritt zum Christentum führte, quasi als Zwischenstopp auf dem Weg zur Erlösung. Viele hielten ihn für den (letzten) Messias, nachdem sich die Welt auch nach dem Tod von Jesus, Shabbtai Zvi und Baal Shem Tov weitergedreht hatte.

War er ein schlauer, skrupelloser Sektenführer oder ein Reformer an der historischen Schwelle zur Moderne in Europa? Olga Tokarczuk fällt kein Urteil. Sie erweckt eine schier unübersehbare Anzahl an Protagonisten in ihrer Erzählung zum Leben. Wir begegnen hochgelehrten Vertretern der römisch-katholischen Kirche in Polen, humanistisch eingestellten Adligen und verzweifelten Chassidim, die sich von der abtrünnigen jüdischen Gruppe massiv bedroht sehen, als diese das Gerücht unterstützen, das Juden für ihre Riten Knaben töten und deren Blut nutzen. Sie zeigt großes Elend und Perspektivlosigkeit auf jüdischer Seite, aber auch unglaublichen Reichtum einiger weniger Christen und Juden. Zwischendrin führt die Erzählung den Leser in die Türkei, macht die Anziehungskraft des Islam erlebbar und zum Schluss das Aufkeimen der Aufklärung und der Französischen Revolution.

Die Autorin setzt insbesondere der jüdischen Bevölkerung Polens ein Denkmal. Aber sie setzt auch dem europäischen Gedanken ein Denkmal. Alle Grenzen scheinen den Protagonisten offen zu stehen: die Grenzen der Länder, der Religion und der gesellschaftlichen Schichten. Denn Jakob Frank und seine Tochter Eva verkehren teilweise sogar mit dem jungen Kaiser Österreichs.

Literarisch meistert Olga Tokarczuk die Fülle des historischen und religionswissenschaftlichen Stoffes, indem sie zusätzlich zu ihrer eigenen Erzählstimme mehrere Romanfiguren zu Wort kommen lässt wie den ersten polnischen Verfasser einer Enzyklopädie, Pater Chmielowski, oder Nachum, einen jahrzehntelangen Weggefährten Jakob Franks sowie Franks Großmutter Jenta.

„Die Jakobsbücher“ ist ein Werk für geduldige Leser, die im besten Fall bereits Vorkenntnisse auf dem Gebiet der jüdisch-polnischen Geschichte haben. Die Stofffülle ist so groß, dass ich es in den Weihnachtsferien sicher von vorne anfangen werde.

Kampa Verlag Zürich, ISBN 978 3311 700791

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2 Pings/Trackbacks für "Olga Tokarczuk: Die Jakobsbücher"
  1. […] Ruth liest und empfiehlt Die Jakobsbücher von Olga Tokarczuk. […]

  2. […] des Romans unter und wäre doch das Kernmotiv. In der Bloggerwelt hat sich auch Ruth Justen von „Ruth liest“ mit diesem Mammutwerk […]