Per Leo: Flut und Boden

Selten deckte sich die Nominiertenauswahl des Preises der Leipziger Buchmesse so sehr mit meinen Leseinteressen wie in diesem Jahr. Zu den fünf Nominierten in der Kategorie Belletristik 2014 gehörte Per Leo mit seinem Debütroman "Flut und Boden".

Mit einer Leichtigkeit und dennoch Tiefgang bewegt sich der Historiker Per Leo durch die Geschichte seiner Familie und zeichnet gleichzeitig ein Bild der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert.

Dreh - und Angelpunkt des Romans ist der Nazi-Großvater, der im Rasse- und Siedlungsamt der SS tätig war. Vorsichtig nähert sich der Enkel seinem Großvater und zeichnet dessen Weg vom Bürgersohn zum Nazi nach. Dabei vermeidet er Schuldzuweisungen, macht aber dennoch aus seinen Sympathien für den Großonkel, der nach dem 2. Weltkrieg einen Neuanfang in der DDR wagte, keinen Hehl. Die anderen Geschwister von Nazigroßvater und DDR-Großonkel bleiben blass, das ist das einzige Manko des Buches. Hier wünscht man sich als Leser mehr Informationen und damit mehr Bandbreite.

Selbstironisch baut der Autor immer auch einen Seitenblick auf sich selbst als Nazi-Enkel ein. Gerade diese Sebstreflektion macht das Buch interessant und hebt es aus der Masse der Bewältigungsbücher heraus. Wie können wir Nachgeborenen mit der Schuld unserer Großeltern umgehen? Für diejenigen unter uns, die über Schreibtalent verfügen, ist es eine Option, die eigenen Recherchen, Erfahrungen, Gedanken und Gefühle in kluge Romane einfließen lassen. Und über Schreibtalent verfügt Per Leo definitiv.

Unterm Strich ist "Flut und Boden" ein gelungenes Debüt. Zudem lässt das Buch auch sprachlich auf Folgewerke hoffen.

J.G. Cotta'sche Buchhandlung, ISBN 9783608980172

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland

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