Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern

Seit meiner Jugend verbinde ich mit dem Libanon Krieg, Tod und Terror. Glaubenskriege innerhalb der Bevölkerung sowie massive auch militärische Einflussnahme durch die Nachbarstaaten Syrien, Israel und zunehmend dem Iran setzten dem Land auch nach dem offiziellen Ende des Bürgerkriegs (1975-1990) zusätzlich zu. Nach der Lektüre von Pierre Jarawans Roman "Am Ende bleiben die Zedern" habe ich erstmals das Gefühl, eine leise Ahnung von der komplexen Konfliktstruktur im Land und deren Auswirkungen auf die Bevölkerung zu haben. Dieser außergewöhnliche Roman enthält nicht nur eine Fülle an historischen und politischen Informationen. Die Geschichte ist zudem psychologisch dicht erzählt und spannend wie ein Krimi zu lesen.

Samir wird 1984 in Deutschland als Sohn christlich-libanesischer Zuwanderer geboren. Er erlebt eine geradezu paradiesische Kindheit mit seinen Eltern und dem Nachbarn Hakim sowie dessen Tochter Jasmin. Der Junge fühlt sich so geborgen, dass er keine weiteren Freunde in der Schule oder der Nachbarschaft sucht. Die fünf und die neugeborene kleine Schwester von Samir, Alina, sind sich selbst genug.

Insbesondere mit seinem Vater ist Samir sehr eng verbunden. Jeden Abend erzählt der Vater selbst erdachte Geschichten aus seiner alten Heimat Libanon. Die Erinnerung an das Land wird in der Familie gepflegt und ist positiv besetzt. Kein Wort zu viel wird über den Bürgerkrieg und damit über den Fluchtgrund der beiden Familien verloren.

Eines Tages - im Jahr 1992 - baut der Vater feierlich einen Diaprojektor auf und zeigt Fotos von der Hochzeit der Eltern. Mitten hinein ist ein Dia gerutscht, das schlagartig das Familienklima verändert. Einige Wochen später verschwindet der Vater spurlos.

Der Verlust des Vaters, die Ungewissheit über das Geschehen zerreißt die Familie. Vor allem Samir lässt der Gedanke nicht los, dass sein Vater irgendwo da draußen ist. Besessen folgt er mehr als 20 Jahre lang den wenigen Spuren und vergisst darüber sein eigenes Leben. Erst mit über 30 macht er sich auf den Weg in den Libanon, um seinen Vater endgültig aufzuspüren oder sich mit seinem Tod abzufinden.

Pierre Jarawans Debütroman spielt in Deutschland und im Libanon. Abwechselnd erfährt der Leser, wie sich Samirs Leben in Deutschland entwickelt hat und was seine Eltern im Libanon bis zu ihrer Flucht erlebt hatten. Gleichzeitig schildert der Roman die Geschichte des Libanons von Beginn des Bürgerkrieges 1975 bis heute.

"Am Ende bleiben die Zedern" vereint sehr geschickt und gekonnt einen Familien- und einen Gesellschaftsroman mit einem Krimi. Es ist ein weiteres Buch der Stunde zum Thema Zuwanderung und Integration neben Abbas Khiders "Ohrfeige", Shida Bazyars "Nachts ist es leise in Teheran", Jan Böttchers "Y" und Michael Köhlmeier "Das Mädchen mit dem Fingerhut".

Berlin Verlag ISBN 9783827078650

Getagged mit: , , , , , , ,
Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland, Libanon

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Folgen Sie Ruth liest