Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

Wer kennt sie nicht, die Sprachlosigkeit der Kriegsgeneration in der Nachkriegszeit? Auch mein Vater, Jahrgang 1926, hat kaum von seinen Erlebnissen im 2. Weltkrieg erzählt. Im Gegensatz zu Ralf Rothmann haben meine Geschwister und ich unseren Vater im Schweigen beharren lassen. Was für ein Versäumnis! Ralf Rothmann bringt in seinem jüngsten Roman "Im Frühling sterben" eine ganze Generation zum Sprechen.

Zwei siebzehnjärige Melker werden im Februar 1945 von der Waffen-SS zwangsrekrutiert. Beide haben feste Freundinnen zu Hause in Norddeutschland, zu denen sie versuchen Kontakt zu halten. Fiete, der politischere Junge, wird als Frontsoldat eingesetzt. Walter hingegen wird Fahrer in einer Versorgungseinheit. Als sein Freund Fiete in seiner Verzweiflung desertiert, setzt sich Walter bei seinem Kommandanten für ihn ein. Doch der will ein Exempel statutieren, schließlich ist Fiete nicht der einzige Deserteur. Er befiehlt Walter und seinen vier Kollegen, das Todesurteil gegen Fiete auszuführen.

War Walters Kugel die tödliche? Oder hatte er die Platzpatrone im Lauf? Egal. Schuldgefühl bleibt Schuldgefühl. Das ändert sich auch nicht mit dem Neustart ins Leben und die Ehe nach dem Ende der 2. Weltkrieges.

Feinfühlig und differenziert schildert Ralf Rothmann die Lebens- und Todesumstände einer Jugend gegen Ende des sogennanten Dritten Reiches.

Der Roman ist nicht nur ein Lehrstück über den Totatalitarismus, sondern auch über den Umgang mit der eigenen Geschichte und Familie.

Unbedingt empfehlenswert.

Suhrkamp Verlag Berlin ISBN 9783518741153

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland

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