Regina Scheer: Gott wohnt im Wedding

Die Geschichte eines Mietshauses und seiner Bewohner erzählt Regina Scheer in ihrem jüngsten Roman "Gott wohnt im Wedding". Dabei kommen nicht nur die Mieter seit dem Bau des Hauses 1890, sondern auch das Mietshaus selber zu Wort. Ein guter Plot, der aber mit zu viel Erzählsträngen überfrachtet ist.

Ich glaube jeder Mieter kennt das Gefühl, dass die Mauern um einen herum viel gesehen und gehört haben. Dass es interessant wäre, zu erfahren, welche Dramen sich in diesen vier Wänden bereits abgespielt haben. Tatsächlich gelingt es Regina Scheer, die Neugier der Leser zu wecken. Denn "ihr" Berliner Mietshaus wurde 1890 erbaut und wurde so Zeuge der dramatischen Veränderungen des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts.

Zum einen stehen das Haus und seine Bewohner für die großen ökonomischen Veränderungen. Der Wedding galt lange als rotes Arbeiterviertel. Doch auch hier wohnten nicht nur Kleinbürger, sondern auch der eine oder andere Vertreter des Mittelstandes. Der erste Bauherr war ein Maurermeister, dem die Kosten über den Kopf wuchsen. Erst ein Maurerpolier Dermitzel führte die Bauarbeiten zu Ende und verkaufte sein Haus Jahrzehnte später in den 20er-Jahren an Jonathan Neumann. Dem wurde das Haus im Zuge der "Arisierung" weggenommen. Heute gehört es einem chinesischen Großinvestor, der das Haus entmieten will.

Von den einstigen kleinbürgerlichen und bürgerlichen Familien wohnt nur noch die uralte Gertrud Romberg im Haus. Die jüdischen Familien wurden verfolgt und größtenteils ermordet. Leo Lehmann hat als U-Boot überlebt. Sein Freund und Sohn des ehemaligen Hausbesitzers, Manfred Neumann, wurde hingegen verhaftet und zwar in der Wohnung von Gertrud. 70 Jahre nach Kriegsende besucht Leo gemeinsam mit seiner israelischen Enkelin Berlin und Gertrud. War Gertrud eine Verräterin oder auch ein Opfer des Nazi-Systems? Das ist der zweite große Erzählstrang, der angereichert ist mit Rückblenden von Gertrud, Leo und dem Haus auf die Nazi-Zeit, aber auch mit Leos Erinnerungen an die Anfangsjahre in Israel und mit Geschichten über die Enkelin und ihren in Berlin lebenden israelischen Freund.

Drittens handelt das Buch von Sinti- und Romafamilien, die versuchen sich in Deutschland in Sicherheit zu bringen vor ihren ehemaligen Nachbarn in Ex-Jugoslawien, in Bulgarien oder Rumänien. Die Ausnahme ist Sintiza Laila, deren Großvater bereits in dem Haus gewohnt hat, das KZ überlebte und mit seiner Familie zeitweise in Rumänien Obdach fand bis sie als Spätaussiedler wieder nach Deutschland zurückkehrten. Dieser Stoff bietet der Autorin die Gelegenheit, über die Konflikte zwischen alteingesessen Sinti und neu angekommenen Roma zu schreiben.

Jedes der drei großen Romanthemen ist interessant und gut geschrieben. Natürlich liegt auch in der Verbindung der drei Erzählstränge ein großer Charme. Aber insgesamt erschlägt mich die Fülle an Stoff und Details und vor allem das offensichtliche Bemühen, es allen Protagonisten gleich recht zu machen. Weniger wäre hier mehr gewesen. Dennoch bereue ich die Lektüre nicht. Ich verdanke dem Buch viele neue Einsichten.

Penguin Verlag ISBN 9783641225360

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland
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