Regina Scheer: Machandel

Seit dem Aufstieg der AfD insbesondere in Ostdeutschland wird viel über die speziellen Erfahrungen geschrieben und gesprochen, die die Bürger der ehemaligen DDR gemacht haben. Wer ein tieferes Verständnis für die Vielschichtigkeit der DDR und ihrer Bürger entwickeln will, sollte weniger Talk-Shows schauen und lieber den Roman "Machandel" von Regina Scheer lesen.

Hans, Clara, Herbert, Natalja und Emma kommen abwechselnd in dem Roman zu Wort. Sie alle verbindet der kleine Ort Machandel bei Güstrow. Ein Ort, der quasi eine kleine DDR ist. Jedenfalls gelingt es der Autorin, auf den wenigen Quadratmetern ein Personal anzusiedeln, dass die DDR abbildet.

Hans ist ein hoher SED-Funktionär, der als Kommunist zehn Jahre lang in verschiedenen KZs einsaß und auf der Flucht kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges schwer verletzt im Ort Machandel Zuflucht findet. Dort lernt er seine spätere Ehefrau Johanna kennen, die ihn gesund pflegt und ihm nach Berlin auf das politische Parkett folgt.

Ihr gemeinsamer Sohn Jan wächst anfangs in Machandel auf, muss später die erste und einzige Kadettenschule der DDR besuchen. Anders als sein Vater glaubt Jan als Erwachsener nicht an die Realisierung eines menschlichen Sozialismus.

Clara ist Jans vierzehn Jahre jüngere Schwester. Sie kommt erstmals in den Ort, als Jan sich von ihr und den Freunden in Machandel verabschieden will. Für Clara ist der Verlust des Bruders eine lebenslange Wunde, die sie unter anderem mit einem Wochenendhäuschen an Jans Lieblingsort Machandel zu heilen versucht.

Jans bester Freund Herbert war bereits als Jungendlicher gemeinsam mit Jan in Machandel. Er gehört ebenso wie Clara zu den oppositionellen Kreisen in der DDR. Allerdings exponiert er sich viel stärker als Clara. Die Staatsmacht verhaftet ihn und seine Frau Maria, bringen die Kinder in ein Heim und pressen ihm am Ende einen Ausreiseantrag ab. Sein Anwalt wird später als Inoffizieller Mitarbeit der Stasi enttarnt.

Die Familienperspektive ergänzen die aus Russland verschleppte "Fremdarbeiterin" Natalja, die auf dem Schloss im Ort zur Nazizeit arbeitete, und die im Krieg vor dem Bombenhagel auf Hamburg geflohene Emma.

In Machandel sieht, hört weiß jeder alles über die Nachbarn. Und alle schweigen viel zu lange. Die einen gehen, weil sie das Schweigen und damit die Lüge nicht mehr aushalten. Andere stürzen sich in den Kampf um Veränderungen, um nach der Wende umso mehr enttäuscht zu sein. Wieder andere sehen zwar die Auswüchse der DDR-Diktatur, können die Idee des Kommunismus aber nicht in Frage stellen, weil sie sonst alles, was die alten Kampfgenossen unter Hitler und Stalin erlitten haben, wofür sie in großer Zahl gestorben sind, in Frage stellen müssten.

Albrecht Knaus Verlag in der Verlagsgruppe Random House ISBN 9783641143152

Hinweis: Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar! Die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars hat keinerlei Einfluss auf meine Rezension.

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland
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