Rohinton Mistry: Das Gleichgewicht der Welt

Vor 35 Jahren hatte ich einen Englischlehrer, der vorher an einer Schule in Bombay – Verzeihung heute Mumbay – unterrichtet hatte. Manchmal erzählte er von seinen Erlebnissen. Er berichtete von Leichen, die auf dem Bürgersteig lagen und über die man stieg, als ob eine Zigarette im Wege läge. Ich stellte mir dieses Land unvorstellbar grausig vor.

Wie kann man nur so kalt und unbarmherzig sein und den Tod ignorieren, während man selber lachend und schwatzend durch die Metropole flaniert? Wir tun nichts anderes! Nur das der Tod bei uns in der Regel nicht direkt vor den Füßen zu finden ist. Wir müssten ins Internet gehen, die Tagesschau anschauen oder uns Rohinton Mistrys "Das Gleichgewicht der Welt" durchlesen, um ihn zu vergegenwärtigen.

Mistry taucht tief in das Elend Bombays Mitte der 70er Jahre ein. Er schildert die Hoffnungen und Enttäuschungen seiner Figuren im Großstadtdschungel. Besonders bewegend ist das Schicksal der beiden Schneider, die sich vor religiösen Verfolgungen nach Bombay geflüchtet hatten. Mistry ist ein sprachgewaltiger und zutiefst verstörender Roman gelungen, der mich noch wochenlang beschäftigten wird.

Fischer Taschenbuch Verlag 2010, ISBN 978 3 596 14583 6

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Veröffentlicht unter Belletristik, Indien

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