Ronya Othmann: Die Sommer

 

Ronya Othmann begeisterte das Publikum bereits bei den 43. Tagen der deutschsprachigen Literatur, dem Bachmannwettbewerb 2019. Nun veröffentlichte der Carl Hanser Verlag ihren Debütroman „Die Sommer“.

Der Roman erzählt aus der Perspektive von Leyla die Geschichte einer deutsch-jesidisch-kurdischen Familie. Seit dem Kindergartenalter fährt Leyla jeden Sommer zur Familie ihres Vaters in ein kleines Dorf in Syrien.

Anfangs fremdelt das in München geborene und aufgewachsene Mädchen mit den Großeltern, Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen. Zu verschieden sind die Vorstellungen von der Rolle einer Frau. Doch Leyla liebt die Sommer in dem Dorf. Sie wertschätzt den jesidischen Glauben und die andere Lebensweise in einer ländlichen Umgebung.

Ihr Vater, der als junger Mann nach einem Gefängnisaufenthalt in Assads berücksichtigten Foltereinrichtungen nach Deutschland floh, erzählt ihr nach und nach, was seiner Familie seit Jahrhunderten passiert ist: Verfolgung, Ermordung, Vertreibung und Flucht. In Syrien sind sie zumeist staatenlose Ausländer.

In Deutschland werden sie als Türken oder Syrer wahrgenommen, von diesen Gruppen aber wiederum als „dreckige Jesiden oder Kurdenterroristen“ verunglimpft.

Fremd sein, allein sein – das ist das Urgefühl, dass auch Leyla als Tochter einer deutschen Mutter und eines jesidisch-kurdischen Vaters nur zu gut kennt. Ein Gefühl, dass angesichts der Ermordung und Verfolgung der Jesiden durch den IS im Jahr 2014 in Gewissheit mündet. Es ist allein die kurdische Minderheit, die Tag und Nacht die Berichte über den Völkermord verfolgt. Den Rest der Bevölkerung in Deutschland geht das Morden am Arsch vorbei.

So ist denn auch die Ankunft einiger den Völkermord überlebender Familienmitglieder in Deutschland kein Happy End. Vielleicht ist es nur eine neue Etappe im Kreislauf der Verfolgung?

Ronya Othmann gelingt es, einen fesselnden Familienroman mit der aktuellen Geschichte der Jesiden zu verknüpfen.

Carl Hanser Verlag ISBN 9783446268562

Hinweis: Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar! Die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars hat keinerlei Einfluss auf meine Rezension.

Getagged mit: , , , ,