Sabine Kray: Diamanten Eddie

Im Moment haben Geschichten über Großväter wieder Konjunktur. Per Leo, Katja Petrowskaja oder Sabine Kray: Sie alle bewegt die Frage nach ihrer Herkunft.

Eindrucksvoll und bewegend schildert Sabine Kray in ihrem Roman "Diamanten Eddie" den Lebensweg ihres Großvaters. Der Großteil von Edwards Familie wird bei einem Bombenangriff der Wehrmacht auf sein polnisches Heimatdorf getötet. Sein Vater erleidet daraufhin einen Schlaganfall. Der 15-jährige Edward versucht, alleine zurecht zu kommen, um den schwer kranken Vater regelmäßig im Krankenhaus zur Seite zu stehen. Als er eines Tages eine Familie von Zigeunern bei sich aufnimmt, wird er von einer Nachbarin denunziert, von der Wehrmacht nach Deutschland verschleppt und zur Zwangsarbeit in verschiedenen Lagern gezwungen. Das Stehlen von Essensabfällen sichert das Überleben, sofern er nicht erwischt wird.

Trotz der Qualen, der Unmenschlichkeit, die er in den Lagern erlitt, bleibt er nach der Befreiung 1945 in Deutschland. Der Schwarzmarkt blüht in der Nachkriegszeit im zerstörten Deutschland. Nach und nach rutscht Edward in eine kriminelle Karriere als Dieb und Hehler. Erst im Alter schwinden seine Fähigkeiten als Überlebenskünstler. Auf der Strecke bleibt allerdings sein Familienleben, denn zu seinem Sohn - Sabine Krays Vater - kann er nur punktuell eine Verbindung aufbauen.

Sehr detailliert spürt die Autorin den Lebensumständen ihres Großvaters und damit dem Schicksal von Millionen Zwangsarbeitern nach. Gerade dieses unrühmliche Kapitel der deutschen Geschichte erfährt selten eine große Aufmerksamkeit - zu Unrecht. Denn die verbrecherische Ansicht, dass alle anderen Völker dem Herrenvolk zu dienen haben, fand insbesondere in der Zwangsarbeit ihren tödlichen Ausdruck. Dass Sabine Kray dieses millionenfache Verbrechen beleuchtet und ins Bewusstsein unserer Zeit holt, ist ein großes Verdienst. Zumal ihre Protagonisten keine Helden, sondern einfach nur Menschen sind.

Sprachlich allerdings ist der Roman kein Meisterwerk. Hier sind die Werke von Per Leo oder Katja Petrovskaja wesentlich anspruchsvoller und ansprechender.

Frankfurter Verlagsanstalt, ISBN 9783627002039

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Veröffentlicht unter Belletristik, Deutschland, Polen

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