Sacha Batthyany: Und was hat das mit mir zu tun?

Die Geschichte ist nicht ganz neu: Du bist Journalist in Europa, lebst Jahrzehnte nach dem Ende des 2. Weltkrieges und entdeckst, dass der Nationalsozialismus auch etwas mit deiner Familie zu tun hat. Eigentlich kein Wunder. Denn die Mörder, die Ausgrenzer und die Ignoranten waren nicht die Ausnahme, sondern die Regel im Dritten Reich. Ergo sind wir Nachfahren von Mördern, Ausgrenzern und Ignoranten. Hält man die Beweise für den Massenmord und das Wegschauen der eigenen Verwandten aber in den Händen, hat es ganz sicher sehr viel mit einem selber zu tun. Kein Wunder also, dass der Schweizer Journalist Sacha Batthyany die Geschichte seiner ungarisch-österreichisch-deutsch-schweizer Familie recherchiert und aufgeschrieben hat. Ein Wunder ist aber, wie gut ihm das gelungen ist.

Der Leser folgt fast schon atemlos dem Autoren auf seiner mehr als siebenjährigen Recherchereise zu den verschiedenen Schauplätzen des Geschehens und den Begegnungen mit Zeitzeugen und ihren Nachkommen. Teilchen für Teilchen ergeben die Gespräche ein Familienbild. Drei Teilstücke des Familienporträts möchte ich hier kurz erwähnen.

Die kaltherzige Großtante Margit von Batthyány-Thyssen verlässt nicht einmal das Fest auf ihrem Schloss im österreichischen Rechnitz, als 180 Juden auf ihrem Grundstück und von ihren Gästen erschossen werden. Auch nach dem Krieg im Schweizer Exil zeigt sie keinerlei Regung gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus.

Sachas Großmutter wächst in Ungarn in einem Schloss auf. Im Dorf gibt es einen jüdischen Einzelhändler mit seiner Familie. Die Kinder der jüdischen Familie absolvieren ihre Ausbildung in Budapest, als 1944 die Deportationen auch in ihrem Dorf beginnen. Die Eltern werden von einem auf dem Schloss der Großmutter einquartierten deutschen Soldaten erschossen. Die Großmutter fühlt sich daher Mitschuld am Tod der Eltern und versucht wenigstens den Kindern zu helfen. Sie fährt über Land zum Gefängnis, indem sie die Kinder vermutet. Doch ein Treffen mißglückt. Für die Großmutter bleibt der Tod bzw. Leidensweg der Familie eine lebenslange Wunde.

Agnes, die Tochter des Einzelhändlers, überlebt das Konzentrationslager und wandert nach Argentinien aus. Sacha trifft Jahrzehnte später in Argentinien Agnes und ihre Töchter. Doch auch in dieser Familie herrscht das Schweigen vor.

Sachas Vater begleitet seinen Sohn teilweise auf seinen Recherchereisen, obwohl er bis dato jede Recherche und Nachfrage zur Vergangenheit seiner Familie abgelehnt hatte.

Sacha Batthyany zeichnet aus den Erinnerungen der Zeitzeugen und Nachfahren ein interessantes und sprachlich überzeugendes Familienporträt.

Kiepenheuer & Witsch ISBN 9783462048315

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Veröffentlicht unter Belletristik, Österreich, Schweiz, Ungarn
2 Kommentare auf “Sacha Batthyany: Und was hat das mit mir zu tun?
  1. Gefällt mir gut. Versuche mich wiedermal in diese grauenvolle Zeit hineinzuversetzen.

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