Sandra Hughes: Fallen

Sandra Hughes Roman "Fallen" fängt ganz harmlos an: Eine Helikoptermutter im Einfamilienhaus wartet auf die Rückkehr ihres 15-jährigen Sohnes Luca. Er will nur schnell etwas Geld vom nächsten Automaten abholen, weil er am kommenden Morgen erstmals allein mit Freunden verreisen will. Wie wird es ihm ohne die Begleitung von Erwachsenen ergehen? Werden die Jungs in ihrer Naivität in eine Falle laufen? Sorgen einer behütenden Mutter. Doch die Realität hat ganz andere böse Überraschungen im Gepäck.

Nach wenigen Stunden klingeln zwei Polizisten an der Haustür. Ein Passant hatte Luca auf dem Boden liegend vor dem Geldautomaten gefunden. Das Krankenhaus diagnostiziert einen Schlaganfall. Luca wird für den Rest seines Lebens stellenweise gelähmt bleiben. Nur mühsam und in winzigen Schritten kämpft er sich aus der Depression. Abseits der Eltern in einer Art Pflege-WG wagt er einen Neuanfang.

Was aber Luca, seine Eltern und den Leser am meisten verstört, ist nicht der Schicksalsschlag in Gestalt eines Schlaganfalls. Zehn Personen waren nach ihm am Geldautomaten und haben sich nicht um ihn gekümmert. Sie alle gingen an ihm vorbei, einige wollten ihn nicht einmal gesehen haben. Je mehr Zeit zwischen dem Schlaganfall und einer Behandlung vergeht, desto größer sind die irreperablen Schäden im Hirn. Luca könnte heute ohne jeden bleibenden Schaden leben, wenn einer der Personen einen Krankenwagen geholt hätte.

Diese Empathielosigkeit entspringt nicht einer literarischen Phantasie. Sandra Hughes Roman basiert auf einer wahren Geschichte. Es gelingt ihr, so tief in die Verzweiflung von Mutter und Sohn hineinzuschlüpfen, dass die Lektüre stellenweise extrem schmerzhaft ist. Dennoch oder gerade deshalb ist es ein besonders lesenswertes Buch über die Mitte unserer Gesellschaft und unser angeblich so werteorientiertes christlich-jüdisches Abendland.

Dörlemann Verlag ISBN 9783038200291

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Veröffentlicht unter Belletristik, Schweiz

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