Sasha Filipenko: Der ehemalige Sohn

Die Massenproteste in Weißrussland im Sommer 2020 haben den Blick der Weltöffentlichkeit für kurze Zeit auf die bereits seit Jahrzehnten anhaltende Diktatur von Aljaksandr Lukaschenka gelenkt. Der Diktator ist längst aus den Schlagzeilen raus. Dafür hat es zum Glück der in Minsk geborene hochtalentierte Autor Sasha Filipenko zumindest in die Kulturredaktionen geschafft.

Im Original bereits 2014 erschienen, liegt „Der ehemalige Sohn“ nun erstmals auf Deutsch vor. Der ehemalige Sohn heißt Franzisk. Kurz vor seinem Abitur erheben sich Teile der Bevölkerung gegen den im Land herrschenden Diktatur, trotz drohender Gefängnisstrafen, inklusive Folter.

Franzisk sympathisiert mit den Demonstrierenden, wartet aber an einer U-Bahnstation sehnsüchtig auf seine Freundin. Statt ihr kommt eine große Gruppe Protestierender angerannt, die sich in der Station vor einem Unwetter in Sicherheit bringen will. In der Massenpanik wird Franzisk mitgeschleift. Er überlebt zwar, erleidet aber schwere Kopfverletzungen. Sinnbildlich für sein Land, dass nach den gescheiterten Protesten auf Schweigen und Rückzug ins Private umstellt, liegt Franzisk im Koma.

Einzig seine Großmutter glaubt an ein Erwachen ihres Enkels. Für alle anderen geht das Leben ruhig und still weiter, Jahr um Jahr. Als Franzisk nach Jahren aufwacht ist er nur noch ein Ehemaliger: der ehemalige Sohn seiner Mutter, die einen Regimeprofiteur geheiratet hat, der ehemalige Freund, der ehemalige Schüler…

Sasha Filipenko ist ein wunderbarer Roman als Sinnbild seiner Heimat gelungen, die hoffentlich eines Tages wieder aus dem Diktatur-Tiefschlaf erwachen darf.

Diogenes Verlag ISBN 9783257071566

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