Seelenfutter: Die 41. Tage der Deutschsprachigen Literatur sind eröffnet

Zum 41. Mal lesen vom 6. bis 8. Juli 14 Autor*innen in Klagenfurt um die Wette. Traditionell beginnen die Tage der Deutschsprachigen Literatur mit der Auslosung der Lesereihenfolge. Zaghaft und besorgt traten die Kandidat*innen am Eröffnungsabend vor und griffen in den Lostopf. Schicksalsergeben nahmen sie die nun festgelegte Lesezeit entgegen und lauschten anschließend der Klagenfurter Rede zur Literatur von Franzobel, der vor 22 Jahren mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis geehrt wurde.

Der Autor schlug in seiner Klagenfurter Rede zur Literatur einen großen Bogen von der Weltliteratur zum aktuellen Weltgeschehen. Unter der Überschrift "Seelenfutter oder Das süße Glück der Hirngerichteten" rief der ehemalige Preisträger Autoren zum Kampf gegen die "Verdammung, Herzlosigkeit, Ignoranz, Lustfeindlichkeit, Engstirnigkeit, aber ebenso gegen die Verknechtung durch die Absolutheits- und Wahrheitsalleinbeansprucher" auf.  Literatur habe die Verantwortung, sich einzulassen auf die Welt. "Damit meine ich nicht nur Engagement, das leider so krampfhaft verbissen, poesie- und witzlos daherkommt, dass es einem die Zehen aufrollt, weil dem Humor, dieser Religion der Ungläubigen, zu wenig vertraut wird", so Franzobel. "Sondern ich meine eine Beseelung. Seelenfutter. Eine Geselligkeit mit Lust und Witz, Poesie und Intellekt."

Literatur könne das. Sie habe Substanz und Relevanz. "Und wenn es jemand schafft, uns zu zeigen, dass wir Mitteleuropäer derselben Spezies angehören wie Chinesen, Senegalesen, Burmesen, Peruaner, Hawainaner, Kenianer, Jemeniten oder wer auch immer, dass diese Menschen dieselben Empfindungen, Sorgen, Wünsche haben wie wir - wenn jemand das schafft, dann die Literatur. Darum hat sie auch die Pflicht, sich einzumischen, anzuschreiben gegen Kleingeister und Nationalisten, Europazertrümmerer, Weltzerstörer", erklärte der Autor.

Zum Abschluss seiner Rede machte Franzobel den Autoren des 41. Wettbewerbs in Klagenfurt Mut und brach eine Lanze für das so gefürchtete und oft gescholtene Literaturkritikgewerbe: "Kritiker sind vielleicht wie Abdecker, die ausweiden, Texten das Fell über die Ohren ziehen und sie ausstopfen, aber wenn es sie nicht gäbe, wären wir hilflos den Amateuren von Amazon, auch so ein Global Player, ausgeliefert."

Seelenfutter und professionelle Abdecker - ich bin gespannt, ob die Teilnehmer*innen und die Jury Franzobels Erwartungen entsprechen werden.

Weiterer Beitrag zur Rede: http://bachmannpreis.orf.at/stories/2843438/

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