Shani Boianjiu: Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst

"Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst", so betitelt die israelische Autorin Shani Boianjiu ihren Debütroman und meint selbstverständlich das genaue Gegenteil.

Drei Mädchen - Yael, Avishag und Lea - wachsen in einem kleinen, langweiligen Dorf an der Grenze zum Libanon auf. Das einzig Spannende im Dorf sind die regelmäßigen Einschläge der Granaten aus dem Libanon. Für die Freundinnen ist es ein Spiel, vorherzusagen, wo die Granaten in der Siedlung oder der Umgebung niederkommen werden. Ansonsten träumen sie vom Erwachsen werden und von den jungen Männern im Dorf. Vor allem Dani, Avishags Bruder, regt die Mädchenphantasien an. Schon zu Lebzeiten scheint der Soldat von Geheimnissen umwittert zu sein. Sein Selbstmord kurz nach dem Ende seiner dreijährigen Armeedienstzeit bedrückt die drei zwar, lässt sie aber an ihrer Entscheidung, ihre zweijährige Dienstzeit bei der Israelischen Verteidigungsarmee anzutreten, nicht anzweifeln. So starten sie ihren Wehrdienst und bekleiden die ihnen zugewiesenen Posten ohne Widerspruch.

Avishag dient als Grenzsoldatin. Anfangs erscheint die Überwachung der Grenze zwischen Ägypten und Israel als Computerspiel. Stundenlang verfolgt sie die Punkte auf dem Bildschirm. Doch die Punkte sind Menschen, die zumeist über Ägypten aus Afrika in das "kleine" Land zu fliehen versuchen, um sich vor dem mörderischen Treiben in ihren Heimatländern zu retten und sich eine Existenz aufzubauen. Von den ägyptischen Soldaten in den Rücken geschossen und von den israelischen Zaunanlagen verletzt, landen die Überlebenden in Israel im Krankenhaus. Der Rest stirbt wie die unzähligen Schicksalsgenossen im Mittelmeer. Festung Europa!

Yael ist Waffenausbilderin. Ein ruhiger Job, der sie nicht unmittelbar in die Konflikte hineinzieht, jedenfalls nicht bis zum Beginn des Krieges 2006, als ihr Stützpunkt die Reservisten mit Patronen für die Maschinengewehre ausrüsten soll und die Lager leer sind, sodass der Tod vieler Reservisten vorprogrammiert ist.

Lea gewöhnt sich stark an das Soldatenleben und hat vor allem gar keinen Plan für die Zeit danach. Sie verlängert daher ihre Militärzeit um ein Jahr und wird Offizierin.

Alle drei erfüllen ihre Pflichten, leiden gleichzeitig darunter und flüchten sich auf westliche Art und Weise aus der gewalttätigen Realität mit Alkohol, Drogen und Sex. Und alle drei finden nur schwer zurück in den Alltag der Zivilisten. Zu schwer wiegt das Erlebte. Zu wenig sprechen sie mit ihren Freunden und Familien darüber, obwohl oder weil alle ähnlich traumatische Erfahrungen gemacht haben.

Die junge Autorin, Jahrgang 1987, folgt den Freundinnen auf ihrem Weg durch die Militärzeit und begleitet sie auf ihrer Reise zurück als Zivilisten. Dabei gewährt sie eine tiefe Innenansicht in die israelischen Realität. Die jungen Menschen ziehen in Massen nach Tel Aviv und spielen unbeschwertes Partyleben, doch die Verletzungen, die Traumata und teils die Schuld sind zu groß, um auch nur sich selbst Normalität vorspielen zu können.

Ein thematisch und sprachlich anspruchsvolles Buch. Hoffentlich gibt es von Shani Boianjiu bald mehr zu lesen.

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Veröffentlicht unter Belletristik, Israel

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