Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

Flucht, Fluchtursachen, Zuwanderung und Integration - darüber diskutiert derzeit ganz Europa. Shida Bazyar (Jahrgang 1988) gibt uns für unsere Debatten mit ihrem druckfrischen Roman "Nachts ist es leise in Teheran" eine weitere Familiengeschichte zum Nachdenken und -fühlen an die Hand. Die Autorin erzählt die Geschichte einer deutsch-iranischen Familie, indem sie jedes Mitglied in einem Kapitel zu Wort kommen lässt.

Den Anfang macht der Vater. Behsads Bericht spielt im Jahr der iranischen Revolution, 1979. Er ist ein vom Kommunismus überzeugter Verfechter der Revolution. Stück für Stück wächst in ihm die Erkenntnis, dass der religiöse Führer Chomeini keineswegs der richtige Verbündete für die kommunistische Revolution war. Der Schah von Persien ist vertrieben und dennoch ist das Morden nicht zu Ende. Im Gegenteil, die religiösen Wächter jagen nicht nur die Anhänger des alten Regimes, sondern auch die ehemaligen Verbündeten. Als auch der beste Freund ins Visier der Staatsmacht gerät, flieht Behsad mit Frau und zwei kleinen Kindernn nach Deutschland.

Seine Frau, Nahid, setzt den Roman im Jahr 1989 fort. Sie berichtet von ihrer Zuwanderung nach Deutschland: Die ersten schrecklichen Wochen im Asylbewerberheim werden ebenso greifbar wie die vielen Monate der Ungewissheit, ob der Antrag auf Asyl angenommen oder abgelehnt wird. Nahid fremdelt mit den wohlmeinenden linken Freunden wie mit den sie ablehnenden Vermietern oder Nachbarn. Dennoch beißt sie sich durch. Absolviert trotz eines dritten Kindes ihr Studium und fasst Fuß innerhalb der deutschen Gesellschaft. Doch die Sehnsucht, es möge sich etwas in der alten Heimat zum Guten verändern, ist riesig. Denn die Sorge um die Dageblieben ist enorm groß.

Gemeinsam mit ihrer ältesten Tochter, die den Iran im Alter von vier Jahren verlassen musste, reist Nahid 1999 in den Iran. Laleh erzählt aus der Persepektive des 16-jährigen Teenagers ihr Zusammentreffen mit den Verwandten, an die sie nur eine dunkle Erinnerung aus den Kindertagen hat. Ihr Leben lang wird sie den Kontakt zu ihnen halten, und eine tiefe Sehnsucht nach der Großfamilie empfinden.

Mo, ihr drei Jahre jüngerer Bruder, scheint hingegen kaum noch einen Bezug zum Iran zu haben. Er kann Persisch sprechen, aber nicht lesen oder schreiben. Mo ist ein Student von 23 Jahren, als 2009 die "grüne" Protestbewegung in den Straßen Teherans die internationale Medienaufmerksamkeit auf sich zieht. Sein Cousin, der sich an den Protesten beteilgt hat, verschwindet für ein paar Tage in der Haft. Das alles berührt Mo, aber eigentlich wünscht er sich vor allem Veränderungen im Iran, damit seine Eltern aus ihrer Starre, ihrer Warteposition aufwachen.

Im Epilog kommt schließlich die jüngste Tochter zu Wort. Taras Kapitel spielt in einer unbestimmten Zukunft, in der die erlösende Nachricht vom friedlichen Sturz der Diktatur im Iran die Runde macht.

Shida Bazyar ist ein wunderbares Buch gelungen. Es öffnet Erkenntnisstore in den Iran und in die iranische Gemeinschaft in Deutschland.

Kiepenheuer & Witsch ISBN 9783462048919

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