Shumona Sinha: Erschlagt die Armen

Eine junge Migrantin aus Indien findet sich nur mühsam zurecht in der neuen, französischen Heimat. "Es war verstörend, in einer Stadt, in einem Land vor verschlossenen Türen zu stehen, wo man alles daran gesetzt hatte, sie aufzubekommen." Doch dann scheint sich alles zum Guten zu wenden. Sie soll als Dolmetscherin für Asylsuchende arbeiten und kann sich in Paris etablieren. Wie ein Sechser im Lotto, kommt ihr diese Kehrtwende des Schicksals vor.

Der Roman "Erschlagt die Armen" von Shumona Sinha räumt mit so ziemlich jedem Mythos rund um das Thema Asyl auf. Die französische Gesetzgebung erkennt als Asylgründe aussschließlich die politische oder religiöse Verfolgung an. Wer von den Antragstellern keine sichtbaren Spuren einer Verfolgung aus politischen oder religiösen Grunden aufweisen kann, wird abgelehnt und abgeschoben. Das wissen auch die Antragsteller, schließlich haben sie viel Geld an die Schleuserbanden gezahlt und wurden entsprechend gebrieft.

Als Dolmetscherin erkennt die Protagonistin des Romans: "Also mussten sie die Wahrheit verstecken, vergessen, verlernen und eine neue erfinden. Die Märchen der menschlichen Zugvögel. ... Ich schwankte zwischen Scham und Gereiztheit." Die Lügengeschichten lösen bei ihr immer mehr Verachtung gegenüber den Antragstellern, den Bittstellern - wie sie sie nennt, aus. Hinzu kommt ein nach und nach unbändiger Hass auf die männlichen Asylsuchenden, die es nicht ertrugen, ausgerechnet von einer Frau befragt zu werden. Die Fragen und die übersetzten Antworten konnten schließlich über ihr Schicksal entscheiden. "Sie durften meine Arbeit kritisieren, weil eine echte Frau nicht arbeitet.... Und dann erdreistete sich diese Frau, sie, die Männer, auszufragen.... Es war absurd, dass eine Frau Fragen stellte und sie, die Männer, antworteten."

So kommt es, dass die junge Frau die "Seiten" wechselt. Sie identifiziert sich nicht mehr mit den ehemaligen Landsleuten, sondern mit der neuen Heimat. Mit fatalen Folgen. Denn der Roman beginnt mit ihrem Verhör durch einen französischen Polizeioffizier auf der Wache.

Ungemein spannend und kenntnissreich schildert die Autorin, die selbst jahrelang als Dolmetscherin für die französischen Behörden gearbeitet hat, das Dilemma unserer Zeit. Europa zwingt die Migranten zum Lügen, um sie dann für diese Lügen zu verachten und zu bestrafen. Und Europa belügt sich selber, weil es gar nicht hinter die Kulissen im In-und Ausland blicken möchte. Lieber blicken wir auf die EM 2016.

Edition Nautilus ISBN 9783864381836

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Veröffentlicht unter Belletristik, Frankreich, Indien
2 Kommentare auf “Shumona Sinha: Erschlagt die Armen
  1. Uwe Rennicke sagt:

    Das kommt auf meine Liste.

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